Specials
1Kommentar

Und dann kam Tetris – Eine kompakte Retro-Lehrstunde von Christian Gehlen

von am 9. Juli 2016
 

Lesezeit: 3 MinutenWir schreiben das Jahr 1982. Die Videospielbranche war im Begriff zu sterben, der Markt übersättigt an nicht lizensierten Spielmodulen, die Qualitätsstandards für Games erschreckend niedrig. Als das berühmt berüchtigte Atari-Spiel zu Warners Blockbuster E.T. dann nach nur knapp fünf Wochen Entwicklungszeit ohne Beta-Test pünktlich zum Weihnachtsgeschäft in den Handel kam, war der Tiefpunkt erreicht. Das Spiel floppte so sehr, dass Atari die überschüssigen Module kurzerhand in der Wüste von New Mexico vergrub und damit das Ende einer Ära einläutete. Atari hatte der Gamingszene buchstäblich ein Grab geschaufelt. Und dann kam Tetris!

Das ist nicht nur ein fantastischer Übergang; so lautet auch das knapp 160 Seiten lange Werk von Christian Gehlen, das den Niedergang und die Wiedergeburt besagter Szene beschreibt und dabei Einblick hinter die Kulissen der Entstehung einiger der wichtigsten Titel der Historie des elektronischen Entertainments bietet. Was mich auf den ersten Blick etwas trocken und wirtschaftlich anmutete, stellte sich schließlich aber als unterhaltsame Reise zurück in die Zeit heraus. In unserer heutigen Zeit sind Videospiele eine solche Selbstverständlichkeit, dass es fast schon absurd wirkt, mit welchen Hindernissen Nintendo beispielsweise zu kämpfen hatte, um seine in Japan bereits erfolgreiche Spielekonsole Famicom auch in Nordamerika an den Mann zu bringen. Gehlen schafft es allerdings, die wirren Businessvorgänge und die Connections der einzelnen Akteure übersichtlich und informativ aufzuzeigen und stellt damit eine Art literarisches Diorama von Nintendos Durchbruch in der westlichen Welt auf. Selten hat mich dabei ein Buch so oft zum Schmunzeln gebracht, denn die Geschichte von Nintendos Aufstieg lässt sich nicht ohne einige berühmte Namen und Titel erzählen, die dabei aber so geschickt eingeführt werden, dass einem dann bei ihrer Erwähnung fast schon warm ums Herz wird.

Zum Beispiel wird beschrieben, wie Nintendo für den Start des NES in Nordamerika ein neues Spiel entwickelte und deshalb einen jungen, unbekannten Programmierer damit beauftragt hat, dieses Spiel zu entwickeln. Dieser Mann hatte zwar nicht sonderlich viel Erfahrung, allerdings einen unbändigen Ideenreichtum und obwohl Skepsis aufgrund seiner Unerfahrenheit herrschte, blieb Nintendo aus Mangel an Alternativen nichts anderes übrig, als ihm den Job zu geben. Sein Name war Shigeru Miyamoto und die Figuren, die er kurzerhand erschuf waren niemand geringeres als Donkey Kong und Super Mario. Wie diese Geschichte ausgeht, sollte jedem bekannt sein.

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber insbesondere die Entstehungsgeschichte von Tetris – und da verspricht der Klappentext des Buches nicht zu viel – liest sich tatsächlich wie ein Krimi. Das Spiel mit den Lizenzen, der lange Weg vom Computer eines russischen Studenten bis in die Regale der Händler und der erbitterte Kampf zwischen den verschiedenen Akteuren, all das hat mich so sehr gefesselt, dass ich Gehlens Werk an einem Nachmittag nicht einfach nur gelesen, sondern regelrecht verschlungen habe.

Ich würde Und dann kam Tetris am liebsten vorbehaltlos empfehlen, allerdings muss jedem, der einen Kauf in Erwägung zieht, klar sein, dass Gehlen das Hauptaugenmerk nicht auf Videospiele an sich legt, sondern mehr auf die Entstehungsgeschichte und das Geschäft dahinter. Wer zum Beispiel kein Interesse daran hat, zu erfahren, wie der Rechtsstreit zwischen Nintendo und Universal Studios wegen des Namens Donkey Kong und der Ähnlichkeit zum Filmklassiker King Kong ausging, dem liegt andere Videospielliteratur vielleicht eher. Wer allerdings gerne wüsste, wie beschwerlich der lange Weg von Pong zu Tetris war, der sollte unbedingt zugreifen, denn kompakter lässt sich eine solche Menge an Informationen nicht bündeln.

Und dann kam Tetris ist eher einfach geschrieben, jedoch lässt sich eine Begeisterung für die Thematik herauslesen, die den Leser konstant mitzureißen vermag. Gehlen schafft es, auf dem schmalen Grat zwischen trockener Faktenauflistung und spannender Erzählung zu wandern und wird dabei dem Anspruch gerecht, sowohl zu unterhalten, als auch zu informieren. Wahre Retro-Fans sollten auf jeden Fall einen Blick riskieren. Das Buch ist am 22. Juni 2016 im CSW Verlag erschienen und ist auf Amazon für 9,99€ als Taschenbuch und für 5,99€ als E-Book erhältlich.

Kommentare
 
Kommentiere »

 
  • Avatar
    12. Juli 2016 at 13:38

    Schöner Text, habe das eigentlich alles genau wie du empfunden. Dafür, dass es so faktenlastig ist, fehlte es mir dann – fiel mir im Nachhinein ein – an Quellen und Belegen. Aber da wollte man wohl nicht zu wissenschaftlich werden.
    Vieles wusste “man” schon, vieles gibt es in zahlreichen anderen Büchern zu lesen, aber ich glaube nie so kompakt auf 160 Seiten zusammengefasst wie hier.

    Deine Herleitung zum Titel (den ja einige irreführend fanden) finde ich super 🙂


Du musst eingeloggt sein zum kommentieren