Lesezeit: 6 MinutenGods Will Be Watching wurde in weniger als 72 Stunden während des Ludum Dare 26 game jam entwickelt. Mit nur einem Kapitel und minimaler Grafik entstand ein Point’n’Click Abenteuer, das den Spieler in die Welt des Überlebenskampfes wirft. Dabei wollte es Entwickler Deconstructeam aber nicht belassen: Mittlerweile hat das Spiel Vollversion-Status und passt nicht mehr so recht in das Adventure-Genre. Glück und Zufall spielen eine große Rolle in unseren Entscheidungen und wir sind daran mehr als einmal gescheitert und wieder aufgestanden.
Die Last auf unseren Schultern
Sergeant Burden trägt seinen Namen nicht von ungefähr. Er hat die komplette “Last” auf seinen Schultern, liegt es doch alleine an ihm, Entscheidungen zu treffen, die (hoffentlich) sein ganzes Team von einer Mission erfolgreich zur nächsten bringen. Oder wäre es vielleicht doch besser, Teammitglieder zu opfern, weil sie den Auftrag am Ende gefährden? Welche Option ich wähle, was immer ich entscheide, es hat bedeutenden Einfluss auf alle anderen Charaktere und das sowohl im positiven, wie im negativen Sinn. Dabei treffen wir auch auf Situationen, in denen eingreifen gar keine Auswirkungen hat oder sich in wenigen Sekunden plötzlich von Richtig zu Falsch verwandelt, denn die Götter haben ihren eigenen perfiden Plan. Vor allem Fortuna, die Göttin des Glücks und Zufalls scheint gerne ihre Finger im Spiel zu haben, während Chronos, der Gott der Zeit, ihr nur zu gerne behilflich ist.
Ich möchte von der Handlung eigentlich gar nicht viel verraten, sondern nur erwähnen, dass Sgt. Burden sich undercover in eine Bioterroristen-Gruppe eingeschlichen hat, um diese zu zerschlagen. Es läuft alles nicht so, wie es sollte, denn der Anführer der Truppe findet schnell heraus, dass wir eigentlich für die Everdusk Company arbeiten und damit für den Feind. Da nimmt unser Schicksal auch schon seinen Lauf und unser Überlebenskampf beginnt, dem wir uns Kapitel für Kapitel stellen müssen.
Karma’s a bitch
Dass Gods Will Be Watching im eigentlichen Sinne gar kein Point’n’Click-Adventure ist, merkt man sofort nach dem Einstieg. Das Team hat den Auftrag für die XENOLIFER Bioterroristen-Gruppe einen Virus aus einem Labor zu stehlen. Dafür muss der Anführer der Gruppe die notwendigen Daten downloaden. Unsere Aufgabe ist es nun sicherzustellen, dass der Download reibungsfrei klappt, unsere vier Geiseln sich artig benehmen, die Wachen das Labor nicht erreichen und unser Team bei Laune bleibt. Sgt. Burden muss nun geschickt verhandeln, das Zeitmanagement übernehmen und Bedürfnisse berücksichtigen, ohne den Überblick zu verlieren. Dabei kann er nur durch Worte und Befehle eingreifen, Interaktion gibt es nur mit Personen, nicht mit der Umbegung. Auch wenn ich Dark Souls und Gods Will Be Watching in einem Zusammenhang in der Überschrift erwähne, dann tue ich Dark Souls eigentlich etwas unrecht. Ersteres bleibt trotz der hohen Schwierigkeit fair, während wir in Gods Will Be Watching zu einem großen Prozent komplett dem Zufall ausgesetzt sind.
Natürlich startet man das Spiel im “Original”-Schwierigkeitsgrad, man will sich ja nicht vom Entwickler sagen lassen, dass es zu schwer sein wird … nur um alleine im Prolog nach zahllosen erfolgslosen Versuchen sich eingestehen zu müssen, dass es tatsächlich so ist. Sgt. Burden (also ich), versagt und versagt ein ums andere Mal. Dabei war ich mir doch so sicher, den Ablauf, das Spiel und die negativen Möglichkeiten eindeutig verstanden zu haben. Aber, es ist schon wieder eine Geisel gestorben, erneut hat uns die Wachtruppe überwältigt, bevor wir auch nur die Hälfte des Downloads beendet hatten. Gut, wird eben zum leichten Modus gewechselt, nur um festzustellen, dass “leicht” etwas untertrieben ist. Das Team um Burden scheitert erneut. Das liegt nicht daran, dass ich “zu dumm” bin, ein Kapitel abzuschließen, sondern daran, dass das Spiel uns wenig Zeit und viel Zufall in den Weg wirft. Auch die Frage der Moral kommt uns nur zu gerne in die Quere: Erschießen wir die Geisel, während sie flüchtet und riskieren dadurch, dass die anderen Geiseln durchdrehen oder lassen wir sie laufen, was wiederum den Wachen zeigt, dass wir es mit unseren Drohungen wohl doch nicht ganz so ernst nehmen? Die Lösung liegt irgendwo dazwischen, denn eine der ersten Erkenntnisse im Spiel ist, dass man es einfach nicht allen recht machen kann. Testen wir eine Heilmittel an einem unserer Teammitglieder mit der Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie daran stirbt oder verlangsamen wir unsere Forschung und erhöhen damit die Möglichkeit, dass keiner von uns je wieder das Tageslicht sieht? Doch wen opfern wir?
Nicht nur einmal macht sich Hilflosigkeit breit, denn egal, was wir versuchen, es klappt nicht. Oder man spielt im falschen Glauben, endlich dieses eine Mal alles richtig gemacht zu haben, um am Ende doch wieder zu verlieren, weil alle über Nacht unerwartet sterben (was man hätte voraussehen und lösen können) oder weil selbst unser eigener Spielcharakter beschließt, dass es das alles nicht Wert ist und uns verlässt. Wir probieren aus, wie scheitern, wir lernen dazu, wir scheitern und das immer und immer wieder.
Das mag jetzt alles sehr frustrierend klingen, ist es aber überraschender Weise überhaupt nicht. Es spornt enorm an. Und ist das nicht auch so im Leben? Wir können nicht immer alles alleine beeinflussen, wissen nun mal nicht, wie unser Gegenüber in gewissen Situationen reagiert und wir haben keinerlei Einwirkung auf Zufall, Glück und Zeit. Scheitern ist das Spielprinzip. Wer damit nicht umgehen kann, der wird in Gods Will Be Watching keinen Spaß haben. Es gibt Aufgaben, in denen wir Kombinationen herausfinden müssen, die sich laufend ändern und auf die wir keinen Einfluss haben, es ist ein laufendes Spiel Russisches Roulette und wir hoffen nur, dass es klappt. Einen kleinen Fehler können wir nicht rückgängig machen, sondern nur das Kapitel erneut von vorne starten. Hilfe gibt es allerdings von unseren Teammitgliedern. Wir müssen ihnen zuhören, Informationen von ihnen erhalten, damit wir die Möglichkeiten reduzieren, dem Zufall in die Hand zu spielen. Lesen ist Pflicht, denn eine Sprachausgabe gibt es nicht.
Das Spiel verändert sich zudem leicht, je nach getroffener Entscheidung. Das erhöht den Wiederspielwert enorm. Hinzu kommen viele Herausforderungen, die uns das Spiel gibt und die wir schaffen können, wenn es denn das Schicksal will. Wir fordern es also heraus, nur um zu sehen, was passiert, wenn ich dieses Mal einen anderen Weg gehe, als zuvor.
Zurück zum Retro-Look
Wahrscheinlich erklären die 72 Stunden Game Jam, warum das Spiel in Pixel Retro-Optik erschienen ist. Nervt mich das? Ja, tut es etwas, denn in letzter Zeit wird man von dieser Retroform gerade zu von Indie-Entwicklern überhäuft. Hat es negativen Einfluss auf das Spiel? Nein, es ist vielleicht gar nicht schlecht. Jeder, der die Folterszene in GTA V nicht gut fand, ist wahrscheinlich schon zu Beginn froh, dass wir unsere eigene Tortur nicht glasklar in HD, sondern in Pixeln ansehen müssen.
Auch die Lokalisierung ist teilweise insofern nicht gelungen, als dass man als Spieler akzeptieren muss, dass man Englische Sätze findet oder teilweise Wörter am Bildschirmrand abgeschnitten sind. Ja, man mag es akzeptieren, ist ja schließlich Indie und kein AAA-Titel, dennoch sind es auch Kleinigkeiten, die stören können.
Fazit: Die Götter müssen verrückt sein
Leid und Freude liegen in Gods Will Be Watching so nahe beieinander, wie kaum in einem anderen Spiel. Unser Schicksal kann beeinflusst werden, doch die Götter haben einen anderen Plan. Wir akzeptieren das Scheitern, als ob es das normalste der Welt wäre. Decontructeam hat ein Spiel entwickelt, das uns mit Entscheidungen überhäuft und uns immer und immer wieder zeigt, dass wir nur ein kleines Rad im großen Universum sind. Es ist unheimlich motivierend die Herausforderungen zu schaffen, bzw. einfach nur unser Team lebend durch das Kapitel zu bringen. Man liebt dieses Spiel oder lässt schon nach kurzer Zeit frustriert unangetastet auf dem PC. Bei mir war es trotz vielfältigem Scheitern und einem laufenden “warum?” gerade der Zufall und die Schwierigkeit, die mich ständig veranlasst haben, einen weiteren Versuch zu starten, und noch einen und noch mal einen.
Wer sich einen ersten Eindruck verschaffen möchte, der kann das Spiel antesten und die beim Game Jam entstandene Version online spielen. Das Vollpreisspiel entspricht allerdings nicht so ganz dieser Version, weil einige Veränderungen eingebaut wurden und ist, meiner Meinung nach besser, als die Demo auf der offiziellen Webseite.


























Also ich habs neulich auch mal kurz angespielt und bereits in der Folter-Mission aufgegeben. Irgendwie wirkt das Gelingen einer Episode mehr dem Zufall überlassen als dem gekonnten “managen” der gegebenen Möglichkeiten. Daher werde ich mir den Rest der Geschichte lieber als Lets Play anschauen – eindeutig frustschonender…
Ich hab’s recht früh aufgegeben, alle Charaktere irgendwie durch das jeweilige Kapitel zu bringen, weil es einfach nicht möglich war. Besonders das 5. Kapitel basiert beinahe ausschließlich auf Glück und davon hatte ich nie viel in dem Spiel.