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Remastered Editions und die gute alte Zeit

von am 28. Mai 2017
 

Lesezeit: 5 MinutenBevor ich loslege, wollte ich ankündigen, dass in diesem Kommentar sehr viel Namedropping vorkommen wird. Einerseits um zu zeigen, welch umfassendes/unnützes Wissen ich bei diesem Thema besitze und andererseits um meine eigentliche Intention auf subliminale Art und Weise dem Rezipienten näher zu bringen, ohne es offen aussprechen zu müssen und dadurch seine und meine Intelligenz zu beleidigen. Und bevor jemand fragt: Ja, ich bin unterhaltsam und sehr beliebt auf Partys. Ähem, gehen wir es an.

Wir schreiben das Jahr 1985. Eine sorglose Zeit, wo man nur gelegentlich Angst vor einem nuklearen Krieg mit der Sowjetunion hatte, Michael J. Fox in dem Klassiker Teen Wolf als basketballspielender Werwolf die Welt begeisterte und Bill Cosbys größtes Verbrechen die Coca Cola Werbespots waren. Der verheerende Zusammenbruch der Videospielbranche zwei Jahre zuvor war noch nicht ganz verdaut, da rafften sich einige kluge japanische Köpfe bei Nintendo zusammen und entwickelten für den immer beliebter werdenden NES das legendäre Jump’n’Run-Spiel Super Mario Bros. Als italienischer Klempner hüpfte man sich durch acht Welten, tötete auf familienfreundliche Art diverse abstruse Kreaturen und rettete am Ende die Prinzessin. Warum ein leicht übergewichtiger Klempner und kein edler Ritter? Weil man es einfach konnte. Ein Jahr später konnte man in Castlevania Dracula und Co. mit einer Peitsche vertrimmen, das Jahr darauf in der futuristischen Welt von Mega Man schlachtete sich der Held durch Horden von Robotern und konnte sogar deren Spezialkräfte klauen. Und dazwischen gab es Punch-Out, wo man es unter anderem mit Mike Tyson aufnehmen konnte, also noch vor der ganzen Holyfield-Story.

Die Videospielbranche sprudelte nur so vor Ideen, keine davon schien zu absurd oder unpassend. Ein Spiel zu Wayne’s World? Wieso nicht, wir lassen Wayne einfach gegen riesige Musikinstrumente kämpfen. Ein Beat’em Up mit dem Namen Shaq Fu? Na klar, Shaq O’Neal war seinerzeit dafür berühmt gegen ostasiatische Fabelwesen gekämpft zu haben. Der Atari Jaguar? Was eine Dreckskonsole, aber immer her damit! Der Storyschreiberling hinter Earthbound hatte definitiv einige Kindheitstraumata zu überwinden, lieferte uns damit aber auch ein wunderbar eigenwilliges RPG. Die Vielfalt an Ideen war einfach nur überwältigend, auch wenn dabei sehr, sehr viel Mist rauskam. Man musste sich in der Prä-Internet-Ära durch enorme Massen Schlamm wühlen um die wahren Perlen zu entdecken, was dieser Epoche ein gewisses Indiana-Jones-Flair verpasste. Und ja, es gab auch für den NES ein paar richtig miese Indiana Jones Titel.

Nintendo selbst lieferte in dieser Zeit die größten Perlen, die sich bis heute in den Köpfen und Herzen der Spieler festgesetzt haben und auch mit abgelegter Nostalgiebrille enorm gut gealtert sind. Allerdings sorgte Nintendo im Jahre 1993 mit einer Veröffentlichung für einen nahezu prophetischen Präzedenzfall. Ich weiß, ihr denkt nun alle an Mario Teaches Typing, aber das meine ich nicht. Erstens kam das bereits 1991 raus und zweitens kam Marios stereotypes und in Retrospektive recht rassistisches Italo-englisch bei den Kindern nicht besonders gut an. Nein, ich spreche natürlich von Super Mario All-Stars, einer Spielesammlung der alten Mario-Klassiker, welche für den SNES grafisch und soundtechnisch nochmal kräftig überarbeitet  wurden. Und obwohl es sich – wie jeder Mario-Titel zu der Zeit – sehr gut verkauft hat, kritisierten Spieler, dass bis auf das bis dato nur in Japan veröffentlichte Super Mario Bros.: The Lost Levels kein neuer Content geboten wurde, sondern lediglich alte Klassiker neu aufgebrüht wurden. Es gab zwar schon der Zeit diverse Titel, die in leicht veränderter Form auf beiden Konsolen veröffentlicht wurden, doch war Super Mario All-Stars  wohl der erste richtige Remastered-Titel.

Springen wir nun zum Jahr 2017. Heute existiert die Sowjetunion nicht mehr, Bill Cosby sieht man eher in den Nachrichten als in Werbespots und Michael J. Fox kämpft mittlerweile nur noch gegen sein Parkinson. Die Welt ist gelinde gesagt nicht mehr ganz so sorglos. Die Videospielbranche hat sich in den letzten zwanzig Jahren extrem gewandelt, heute kommen nur irgendwelche verwirrten Seelen im Internet auf die Idee, irgendwelche Spiele mit Prominenten zu besetzen (50 Cent: Blood on the Sand bildet da die ehrenwerte Ausnahme und ist außerdem bereits acht Jahre her). Die Mehrheit der Spiele beschränken sich aus rein ökonomischen Gründen mittlerweile auf folgende Genres: First-Person-Shooter, Third-Person-Shooter, „Action-Adventure“ (= Third-Person-Shooter/Hack’n‘Slay mit Puzzle- oder Stealthelementen) und… hmpf, MOBAs. Neue und innovative Spielkonzepte versauern im Giftschrank oder werden im Entwicklungsprozess so glattgebügelt, dass von der eigentlichen Idee nur noch ein Schatten übrig geblieben ist. Releasetermine werden ungern und nur bei absoluter Dringlichkeit – hey, Batman: Arkham Knight – verschoben, damit die Aktionäre nicht verärgert werden. Lediglich auf dem Indiemarkt passieren noch die interessanten Dinge, doch nur die wenigsten Indie-Entwickler können mit ihren Titeln überhaupt die Heizkosten decken.

Und dann sind da die Spieler, also wir. Ein homogenisierter, neophober Haufen mit der Komfortzone eines Kleinwagenparkplatzes, welcher sich zumindest in den Augen der Publisher davor scheut etwas Neues auszuprobieren und lieber auf altbewährte Titel und Spielkonzepte setzt. Ein undankbares Publikum, welches Innovationen mit schlechten Verkaufszahlen abstraft. Ja, es ist überspitzt, aber wir tragen Mitverantwortung dafür, dass mittlerweile zehn Halos, zwölf Battlefields und sage und schreibe 16 Call of Duties existieren! Und wisst ihr, was es in letzter Zeit wirklich gibt? Natürlich wisst ihr es, es steht ja oben im Titel.

Ob Remastered, Remake, Definitive Edition, Director’s Cut und was auch immer sich Publisher einfallen lassen: Sie sind überall, auf allen Plattformen, in allen Formen und Farben. Sei es die Gears of War – Ultimate Edition für die Xbox One, welche in bester Weise illustriert hat, wie schlecht der erste Teil der Reihe gealtert ist, Last of Us Remastered, das unter den Spielern als einer der besten PS4-Titel gehandelt wird, ungeachtet der Tatsache, dass es eigentlich ein PS3-Spiel war oder eine schier unendliche Anzahl von Spielen auf Steam, die das Label „HD“ hinter den Namen geklatscht bekommen haben und für viel zu viel Geld nochmal angeboten wurden – ja, ich schaue in deine Richtung, Age of Empires II HD. Und wie oft wurde das erste Resident Evil aufpoliert?

Ich nehme mich da nicht raus, denn auch ich besitze mehr als genug wiederverwertete Titel, Neuauflagen, Collections und Co. Und ja, ich hatte Spaß mit den meisten davon. Die Assassin’s Creed – Ezio Collection erinnerte mich zum Beispiel, dass keiner der Nachfolger Ezio-Trilogie an deren Qualität reichte. Und Bioshock als auch Shadow of the Colossus sind weiterhin fantastische und einzigartige Spiele, die zu Recht nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Was ich damit sagen will ist, dass einige Spiele sich definitiv eine Aufhübschung verdient haben und den jüngeren Generationen nicht vorenthalten werden sollten. Doch durch den Erwerb dieser Editionen gibt man den Publishern auch das fatale Signal: Klar, wärmt die alte Suppe nochmal auf, ich nehme mir gerne noch einen Teller. Nein danke, mehr brauche ich nicht. Aber ein wenig Geld kann ich euch gerne geben.

Und unsere Portemonnaies sind heutzutage unsere einzige Methode, passend auf die Veröffentlichungen der Publisher zu reagieren, denn Re-setze-Wort-ein-denn-ich-werde-noch-wahnsinnig-wenn-ich-noch-einmal-das-aufzählen-muss verkaufen sich ausgesprochen gut. Und die Konsequenz davon sind noch mehr Remastered Editions und Remakes, nach denen niemand gefragt hat: Fahrenheit, Bulletstorm, Full Throttle, Beyond: Two Souls, Resident Evil 4, 5 und 6, Oddworld, Skyrim und… einen Moment, Resident Evil 6? What the fuck, Capcom? Das einzig Gute an der fehlenden Abwärtskompatibilität der neueren Konsolen ist doch die Gewissheit, dass einige Verfehlungen im Sog der Zeit untergehen werden. Und ihr bringt RE6 wirklich nochmal unter die Leute? Wieso? Ich denke mir doch auch nicht, dass es nach gut 15 Jahren echt ne klasse Idee wäre, Polio nach Europa zurückzubringen. Ihr wisst schon, der alten Zeit willen.

Artikel der Rubrik “Kommentare” sind persönliche und subjektive Meinungsäußerungen unserer Redakteure. Darin geäußerte Meinungen geben nicht unbedingt die Meinung von IKYG oder der Redaktion wieder.
Kommentare
 
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    MonkeyHead
    29. Mai 2017 at 20:04

    Da Phi und Lu in ihrem Podcast als letztes das gleiche Thema hatten und ich da schon was geschrieben hatte, kopiere ich einfach nochmal meinen Kommentar. Denn meine Meinung hat sich nicht geändert.

    Wie bei jedem Spiel, geht es natürlich auch bei Remakes, Remastern und Reboots nur um eines. Um das Geld verdienen. Natürlich sagt dir das der Publisher nicht. Bei Remakes sollen neue Generationen von Spielern die Chance bekommen alte Spiele zu entdecken die vor seiner Zeit erschienen sind oder für die er noch zu jung war. Remaster sollen, vor allem in letzter Zeit beim Wechsel von der Last Gen auf die Actual Gen verdecken, dass es zu Beginn noch an Titeln für dei Konsolen fehlte. Und gerebootet wird das Franchise, wenn der Entwickler oder Publisher dafür kritisiert wird, dass er jedes Jahr ein und dasselbe Spiel rausbringt. Dann wird das Spiel unter leicht anderen Vorzeichen gerebootet und als der neue heiße Scheiß verkauft. Zudem werden auch lange in der Versenkung verschwundene Spiele einem Reboot unterzogen, sofern sie kein Remake abbekommen.

    Und daran ist ja eigentlich auch nichts auszusetzen. Nicht jeder hat eine alte Konsole auf der das Spiel läuft oder hatte damals die Möglichkeit das Spiel zu spielen und so manche Serie hat im Laufe der Jahre auch ihren Reiz verloren, weil sie zu oft das gleiche gemacht hat oder vielleicht auch einfach nicht mehr zu den aktuellen Spieleentwicklungen passt und nur noch aus nostalgischer Sicht zu spielen ist.

    Trotzdem hat das ganze auch einen bitteren Beigeschmack, weil gefühlt viele große Publisher nur noch auf die drei Re’s und Fortsetzungen konzentrieren und neue innovative Ideen auf Indie-Entwickler verlagert werden. Die aber nicht die Ressourcen besitzen, die es für manche Spiel nunmal auch braucht um es akkurat zu repräsentieren. Denn ab und an braucht es auch mal bombatst. Sei es inszenatorisch oder auch grafisch.

    Deswegen sind Plattformen wie die Virtual Console oder der PSN-Store in meinen Augen ideal. Dort kann ich alte Spiele auf aktuellen Konsolen spielen und habe dennoch das Erlebnis von damals, sofern ich das alte Gefühl haben will. Und meinetwegen kann die Bibliothek noch viel viel größer sein. Egal auf welcher Plattform.


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    10. Juni 2017 at 01:05

    Earthbound! Ich liebe es! Ich bin einer der Glücklichen die sich das Spiel damals als Import für den Super Nintendo gekauft hatten. Spiele es alle 2 Jahre wieder gerne.


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