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Alte Liebe – Medal of Honor: Allied Assault

von am 26. Januar 2021
 

Lesezeit: 5 Minuten

Was willste erzählen?

“Irgendwann kommt zusammen, was zusammen gehört.” Zumindest war dies mein Gedanke, als ich gesehen habe, dass EA Play endlich auf Steam verfügbar war. Nach neun Jahren der Abstinenz kann man endlich auch neuere EA-Titel auf der Standardvertriebsplattform erwerben und zocken. Es gab für mich persönlich zwei Gründe, es erstmal auszuprobieren. Zum einen wollte ich Battlefield V eine Chance geben – und ganz ehrlich, es macht wirklich Spaß, grafisch und audiotechnisch oberste Klasse und das Gameplay ist weitaus besser als sein Ruf und ja, das GUI ist wirklich unter aller Sau und unübersichtlich und der erste Trailer war wohl einer der größten Marketingfehler und DICE sollte sich da echt in den Arsch beißen und es ist eine Schande, dass der Titel so stiefmütterlich von allen Seiten behandelt wird und… – äh, ich weiche etwas vom Thema ab.

Butter bei die Fische!

Zum anderen verspürte ich eine nostalgische Lust, die alten Medal of Honor-Teile wieder zu spielen. Die Serie wurde nach dem lauwarmen Medal of Honor: Warfighter (was für ein Name) 2012 auf Eis gelegt, bis es neulich einen neuen Teil – Medal of Honor: Above and Beyond – im WWII Setting gab. Geil. Allerdings exklusiv für Oculus VR. Weniger geil. Zudem waren die Reviews eher mittelprächtig, daher scheine ich nicht allzu viel verpasst zu haben. Und mein Gott, fast zwei Paragraphen und immer noch nicht zum Titel gekommen. Konnte ich aber auch nicht, denn bei EA Play ist Medal of Honor: Allied Assault nicht dabei. Dafür aber Battlefield: Hardline. Thanks EA.

(PC) Medal of Honor: Allied Assault - Cinematic Trailer

Komm zum Punkt!

Zum Glück kam mir dann in den Kopf, dass ich eine GOG-Version von Allied Assault rumfliegen hatte, sodass die ersten 276 Worte vollkommen unnötig waren für diese Retrospektive. Also… wir schreiben das Jahr 2002. Wir sind mitten in der PlayStation 2-Ära, haben die ersten 3D-Versuche hinter uns, das N64 ist miserabel gealtert *hust* und stürzen uns in immer opulentere grafische Abenteuer. Ich habe damals auf meinem ersten PC – Pentium III 833MHz, 256MB SD RAM (schon erweitert) und eine Nvidia GeForce 2MX – Spiele wie Max Payne und Return to Castle Wolfenstein rauf und runter gespielt. Beide zu dem Zeitpunkt in Deutschland indiziert, ich weiß. Und ich war zu dem Zeitpunkt minderjährig, ich weiß.

Dennoch verloren die Spiele – so toll sie waren – nach 45 Durchläufen irgendwie den Reiz. Daher kam mir Medal of Honor: Allied Assault wirklich gelegen. EA als Publisher, 2015 Studios als Entwickler. 2015 wurde kurz nach dem Release aufgelöst und Teile des Teams gründeten Infinity Ward und entwickelten einen kleinen, aber feinen Nischentitel, welcher bis zum heutigen Tage 19 (!) Nachfolger zählt. Aber wir reden hier nicht über diesen Titel. Die ersten MoH-Teile kamen unter anderem für die erste Playstation raus und waren unterhaltsame Shooter, die während des 2. Weltkrieges spielten. Man hat in der Regel irgendwelche Anlagen infiltriert oder etwas hochgejagt, also GoldenEye mit Nazis sozusagen. Medal of Honor: Allied Assault war allerdings ein dermaßen großer Qualitätssprung und wurde über Jahre zurecht als Blaupause für ordentliche (WWII-)Shooter genommen.

Pentium III? Wie alt ist der Kerl?

Ich erinnere mich noch daran, wie häufig ich diese Kampagne durchgespielt habe und wie begeistert ich war. Vor allem die ikonische Omaha Beach-Sequenz ist den meisten Spielern bis heute im Kopf geblieben, zumal sie an die Eröffnungsszene aus dem Film Der Soldat James Ryan erinnert. Steven Spielberg selbst war sogar beratend in dem Playstation 1-Vorgänger tätig. Sein Einfluss hat sich offensichtlich bis zu Medal of Honor: Allied Assault durchgezogen. Auch spätere Missionen, wie “Normandy” oder “Day of the Tiger” erinnern von der Szenerie stark an den Kriegsfilm aus dem Jahre 1998. Im Gegensatz zu anderen Shootern der Zeit war für mich persönlich die Immersion weitaus stärker ausgeprägt, selbst bei der Bullshit-Mission im verschneiten Wald mit ihren Bullshit-Snipern und deren Bullshit-Zielgenauigkeit. Zudem war die Endmission, in welcher man in der letzten Sequenz eine Gasmaske trägt, durch die der Sichtbereich merklich eingeschränkt wurde, recht anstrengend. Das war schon bei Bioshock keine gute Idee. Dennoch war die Gesamterfahrung gut genug, um sie zig weitere Male wieder erleben zu wollen.

Und der Multiplayer!

Medal of Honor: Allied Assault war neben Starcraft das erste Spiel, was ich stärker online gezockt habe. Und während ich bei Starcraft regelmäßig von Koreanern (oder Leuten, die sich als Koreaner ausgaben) vermöbelt wurde, blieb meine Motivation beim MoH-Multiplayer länger hoch… zumindest bis das besagte Spiel rauskam, welches alles verändert hat. Die Waffenauswahl ist aus heutiger Sicht rudimentär, es gibt keine Aufsätze oder Skins. Auch wurde das Ganze nicht durch irgendwelche Perks oder Killstreaks gestört. Hier zählten die reinen Fähigkeiten, die eigene Agilität und eine stabilere Internetverbindung als die, die das gegnerische Team hatte. Die Maps waren wunderbar designt, die Matches liefen flott ab und die “M1 Garand” ist weiterhin die beste Waffe. Selbst auf LAN-Parties haben wir uns gegen Counter-Strike und für Medal of Honor entschieden…. bis das andere Spiel kam.

Und, taugt es heute noch was?

Das war die Frage, die ich mir vor ein paar Tagen gestellt habe. Nostalgie ist nämlich eine ganz wunderbare Verklärung der Vergangenheit. Manchmal sogar eine bizarre Verzerrung, die uns Dinge sagen lässt wie “GoldenEye ist der beste Konsolenshooter!” oder “Mao Tse-tung hat nicht Millionen Landsleute auf dem Gewissen!”. Daher besteht auch bei Medien die Gefahr, dass eine Wiederkehr die offensichtlichen Schwächen hervorbringt, die man lieber nicht entdeckt hätte. Ich meine, habt ihr in letzter Zeit die alten Nick Hornby-Bücher gelesen? Auch Medal of Honor: Allied Assault kann nicht als zeitloser Klassiker in die Videospielgeschichte eingehen. Die Steuerung ist zwar immer noch sauber, doch ein fehlender Sprintknopf, sowie die Unfähigkeit des Charakters, über Kimme und Korn zu zielen, irritieren den verwöhnten 2021-Gamer. Die Gegner-K.I. hingegen ist sogar noch für heutige Standards klüger unterwegs (looking at you, Cyberpunk 2077), wobei ihre Zielgenauigkeit die Spielenden hinterfragen lässt, wie die Deutschen den Zweiten Weltkrieg verlieren konnten. Grafisch ist es… hm, schwer.

A Blast from the past

Ich mag immer noch den Look und die Farbpalette, es gibt genug Abwechslung was die Schauplätze und Charaktere angeht und es wurden wahrlich Sequenzen geschaffen, welche man im Jahre 2002 als “cineastisch” bezeichnet hätte. Natürlich ein Wort, was ich damals nie benutzt hätte. Doch die Texturen sind matschig, die Fahrzeugmodelle sehr grob und die Natur sieht nach grün-braunen Tapeten aus. Die Animationen sind zwar besser gealtert, als bei Half-Life, doch auch hier erleben die Gegner manchmal epileptische Anfälle oder halten sich scheinbar den Bauch vor Lachen, wenn man auf ihren Torso schießt. Zudem empfand ich das schon damals als ziemlich unfair, dass der Kolbenschlag zwar für die Gegner programmiert wurde, der Spieler selbst aber lieber auf Abstand bleiben sollte. Der Soundtrack hingegen ist womöglich am besten gealtert. Die orchestralen Stücke haben weiterhin eine epische Wirkung und stimmen den Spieler auf ein immersives Erlebnis ein. Selbst die Waffen- und Explosionssounds waren Welten besser als etwa bei einem Red Faction 2. Zudem bleibt der absurde und verdutzte gegnerische Aufschrei “ER HAT EINE WAFFE!” mitten im Feuergefecht bis zum heutigen Tage im Kopf.

Fazit

Doch hatte ich auch heute noch Spaß? Ja, definitiv. Mit dickem Nostalgie-Bonus, aber auch mit etwas objektiveren Abstand kann ich Medal of Honor: Allied Assault weiterhin empfehlen. Natürlich haben sich die Shooter seit 2002 massiv weiter entwickelt und vor allem das… Spiel danach hat wirklich alles umgekrempelt. Jedoch war es ein schöner Ausflug in die Vergangenheit – klingt im Zusammenhang mit einem Spiel, in dem man haufenweise Deutsche niedermäht etwas unangenehm – und MoH hat den Retrospektiventest bestanden. Von mir gibt es vier von fünf “M1 Grarands”!

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