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Jagged Alliance 2 – Zum Besten gerichtet

von am 7. Oktober 2016
 

1999 war für alle ein grandioses Jahr. Mikronesien wurde Mitglied der UNESCO und Jagged Alliance 2 erschien auf dem deutschen Markt! Wer nun nicht weiß, wo Mikronesien liegt, der weiß wahrscheinlich auch nicht wo Arulco liegt, oder? In beiden Fällen ist es verzeihlich, denn während Mikronesien, das übrigens im letzten Jahrhundert eine ziemlich bewegte Geschichte hatte, noch immer im Pazifischen Ozean rumdümpelt, ist Arulco eine fiktive Bananenrepublik und Schauplatz der Ereignisse von Jagged Alliance 2.

Arulcos letzte Hoffnung

Die einzige Gemeinsamkeit zwischen Arulco und Mikronesien ist vermutlich, dass auch in Arulco der Bevölkerung das Wasser bis zum Hals steht. Allerdings im übertragenen Sinne. Deidranna Reitman ergriff vor nicht allzu langer Zeit die Macht im Staat Arulco und führt ihn seitdem mit eiserner Hand. Wer sich nicht für Deidranna ausspricht, der wird zum Feind erklärt und Feinde und andere unerwünschte Personen verschwinden sehr schnell in den dunklen Kerkern ihrer zahllosen Foltereinrichtungen. Ein ähnliches Schicksal erwartete auch Enrico Chivaldori, Deidrannas Ehemann, der nach der Ermordung seines Vaters durch Deidranna, das Land fluchtartig verlassen musste. Enrico sinnt allerdings auf Rache und hat sein Volk nicht vergessen. Hier kommt ihr ins Spiel, denn kurz nachdem Deidranna die totale Kontrolle über die letzten Widerstandsnester gewonnen hat, kontaktiert euch Enrico Chivaldori in Prag. Mit der Hilfe einer privat angeheuerten Söldnertruppe sollt ihr nun die Ordnung im Land wiederherstellen und Deidranna absetzen – permanent.

Dinge, die sich wiederholen: Gameplay und Geschichte

Wer den ersten Teil der Reihe bereits gespielt hatte, der hat damals keine Überraschungen erlebt. Denn auch im ersten Teil galt es, als Anführer einer Söldnereinheit, eine kleine Insel aus den Klauen eines skrupellosen Herrschers zu entreißen. In Sachen Gameplay blieb auch fast alles beim Alten, allerdings brachte die damalige Vanilla-Version von Jagged Alliance 2 doch ein paar Änderungen mit sich. Mehr Waffen, neue Söldner und einige Quests und dazugehörige NPCs fanden den Weg ins Spiel. Jagged Alliance 2 machte einfach nahezu alles richtig, indem es die Stärken des Vorgängers aufgriff und sinnvolle Ergänzungen beisteuerte. Die PC Games gab dem Spiel damals und auch Jahre später, in einem erneuten Review satte 90%. Eine Wertung, von der viele Spiele nur träumen konnten. Einzig die Grafik, bereits damals ein kleiner Kritikpunkt, ist alles andere als zeitgemäß. Wer sich damit aber arrangieren konnte, für den eröffnete Jagged Alliance 2 möglicherweise die Welt der rundenbasierten Strategiespiele. In Sachen Gameplay: Die Karte von Arulco ist in Sektoren eingeteilt und während ihr in einigen Sektoren nur Brachland, leere Straßen oder Wildtiere trefft, warten in anderen Sektoren geheime Forschungseinrichtungen, gegnerische Checkpoints oder aber die begehrten Silberminen, die euch mit dem notwendigen Kleingeld versorgen, damit ihr eure Söldner weiterhin bezahlen könnt. Trefft ihr auf Deidrannas Schergen, wechselt ihr automatisch in den taktischen Modus und das Kampfszenario wird im rundenbasierten Modus fortgeführt. Sprintet von Deckung zu Deckung, überzieht eure Feinde mit Sperrfeuer oder nutzt die zahlreichen verfügbaren Granaten und das Terrain, um den Verlauf des Kampfes zu euren Gunsten zu entscheiden.

Der Charme der Vergangenheit

Ja, Jagged Alliance 2 war nie ein Grafikfeuerwerk, aber dieses Spiel besaß einen Charme, den ich so nach fast 20 Jahren nicht wieder in einem vergleichbaren Spiel gefunden habe. Zum Beispiel auch X-Com, was an sich ein ziemlich cooles Spiel ist, fehlt es an Individualität. Soldaten sind dort eine Ressource, auf die ihr beliebig zugreifen könnt und jeder Charakter ist durch einen anderen ersetzbar. Das ist in Jagged Alliance 2 grundlegend anders. Jeder der über 100 spielbaren Charaktere besitzt eine eigene Persönlichkeit, Vorlieben, Abneigungen und Talente. Da habt ihr neben dem grimmigen Russen Ivan Dolvich, der nur gebrochenes Deutsch spricht und sich die meiste Zeit auf Russisch aufregt, so durchgeknallte Typen, wie Marty „Kaboom“ Moffat, der seinerzeit schon Bomben mit dem Gesicht entschärfte. Das bekam Marty allerdings nicht sonderlich gut und es überrascht daher auch nicht, dass Marty nicht mehr der Hellste ist. Weiterhin arbeitet jeder Söldner mit einigen seiner Kollegen und Kolleginnen unterschiedlich gern zusammen. In der Konsequenz kann es also schnell zu Spannungen im Team kommen und im schlimmsten Fall verlassen euch die entsprechenden Söldner, wenn ihr die Streithähne nicht rechtzeitig voneinander trennt. Es gibt sogar Websites die sich damit befasst haben und auf denen ihr genau nachlesen könnt, wer auf wen allergisch reagiert.

Was früher gut war, ist heute herausragend

„Okay, das mag ja alles sein. Jagged Alliance 2 war scheinbar ganz cool, aber das ist nun auch schon fast 20 Jahre her. Wie gut kann es heute denn noch sein?“ Die Antwort: Besser. SirTech, die ursprünglichen Entwickler von Jagged Alliance 2 gingen kurz nach dem Release des Spiels in die Pleite. Glücklicherweise aber wurde vorher der Code von Jagged Alliance 2 der Community zugänglich gemacht und seitdem sprossen unzählige Modifikationen, Community-Patches und andere Erweiterungen für das Spiel aus dem Boden. Der wohl populärste dieser Mods ist die sogenannte Version „1.13“. Der Begriff 1.13 knüpft vom Namen her an den letzten offiziellen Patch (1.12) zu Jagged Alliance 2 an und hat seitdem das Spiel grundlegend verändert und feingeschliffen. Während es früher zwar schon Dutzende Waffen gab, hat sich diese Zahl mittlerweile irgendwo in den Hunderten eingependelt. Ähnlich viele neue Ausrüstungsgegenstände, wie zig verschiedene Munitionsarten, Rüstungen, elektronische Ausrüstung, Westen und zig tausend andere Dinge sind mittlerweile fester Bestandteil dieser Komplettmodifikation. Ein Ende ist nicht in Sicht, denn erst Anfang August wurde wieder eine neue Version dieser Modifikation fertiggestellt.

Das Nonplusultra der rundenbasierten Strategiespiele

All diese Veränderungen und Erweiterungen haben diesen Klassiker zu einem Spiel gewandelt, das in Sachen Komplexität und Spieltiefe mit Leichtigkeit an gegenwärtigen Titeln vorbeizieht. Mittlerweile gibt es so viele verschiedene Features und Gimmicks, das selbst ich als ständiger Beobachter schon den Überblick verloren habe. Es wurden Wettereffekte hinzugefügt, wie zum Beispiel Gewitter, deren Blitze bei Nacht eure Position verraten können und wenn es ganz dick kommt, dann können eure Gegner auch locker mal eine Runde Mörserfeuer auf eure Position anfordern. Was das mit euch und aber auch mit euren Gegnern anrichten kann, das seht ihr hier. Jagged Alliance 2 ist in dieser Hinsicht auch nicht zimperlich und explodierende Köpfe, zerrissene Leiber und eine Menge Blut sind schon immer Bestandteil des Spiels gewesen. Erobert ihr beispielsweise einen der Sektoren Arulcos und lasst die Leichen eurer Feinde lange genug liegen, dann werden diese bei eurem nächsten Besuch im Sektor bereits von den Krähen zerrupft.

Alles nach Jagged Alliance 2 war ein einziges Debakel

Dass die Geschichte von Jagged Alliance nicht mit dem zweiten Teil enden würde, war schon immer die Hoffnung aller Fans. Mehrmals wurde in den vergangenen Jahren ein dritter Teil angekündigt und es gab sogar schon die ersten Screenshots und Videos. Das Echo war verhalten und viele dieser Projekte sind nie realisiert worden. 2012 erschien dann tatsächlich „Jagged Alliance – Back in Action“, ein Projekt, das besser nie das Licht der Welt hätte. Eine lieblos zusammengeklatschte Fehlbildung, die lediglich den Namen Jagged Alliance im Titel trug. BitComposer, die Publisher und Lizenzhalter des Spiels veröffentlichten noch ein kleines Add-on, das ähnlich schlechte Kritiken erhielt und gingen kurz darauf in die Insolvenz. Der Charme, der einstmals Jagged Alliance groß machte, war komplett verloren gegangen und die Individualität der Söldner wich einem Brei aus matschigen Texturen, die auch noch alle gleich aussahen.JA2_BiARoster Seitdem liegt die Serie begraben und es hat sich meines Wissens bis jetzt nie wieder jemand an eine Neuauflage von Jagged Alliance gewagt. Vielleicht ist das aber auch besser so, denn so lange die Entwicklung an 1.13 andauert und die Community auch weiterhin großartige Ideen und Konzepte in das Spiel einfließen lässt, braucht es gar keinen lieblos zusammengeschusterten dritten Teil. Ihr seht, Jagged Alliance 2 hat einen langen Weg hinter sich und immer dann, wenn ich mit meinen selbst erstellen Söldnern und Marty „Kaboom“ Moffat durch den Dreck Arulcos robbe, dann weiß ich: „Das ist der Shit.“

Ach und – schickt Deidranna doch mal Blumen!

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