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Chuck My Life #7 – Meine LAN-Parties

von am 3. März 2018
 

Ich weiß, ihr habt länger nicht von mir gehört. Momentan bin ich mehr hinter den Kulissen von IKYG unterwegs, was vor allem mit einer Schreibblockade zusammenhängt, die mich seit einiger Zeit plagt. Allerdings habe ich mich ein wenig inspirieren lassen und nachdem ich mir noch einmal Amors wundervollen Beitrag zum Thema Couch-Coop durchgelesen habe, komme ich nicht drum herum, über ein ähnliches aussterbendes Gaming-Phänomen zu schreiben: LAN-Parties.

Was waren das für magische Zeiten, in denen man sich ein komplettes Wochenende frei nahm, den Rechner mitsamt Röhrenmonitor, Kabelsalat und Zubehör ins Auto der Eltern schleppte, um sich dann mit Unmengen von Energy-Drinks und Bier zuzuschütten und gemeinsam Counter Strike 1.6 zu zocken. Mittlerweile bieten die meisten Games gar keine lokale Netzwerkfunktion mehr an. Das finde ich traurig. Nicht einmal unbedingt für mich selbst, sondern mehr für die jüngeren Gamerinnen und Gamer da draußen, die nie in den Genuss kommen werden, ihre Spiele in einem stickigen Keller mit Freunden zu zocken und dem Penner, der einen in Call of Duty schon wieder mit der MP40 perforiert hat, über den Monitor hinweg den Mittelfinger zu zeigen. Looking at you, Preuschoff! Ich habe das nicht vergessen, du elender Mistkerl!

Je länger ich allerdings über die gemeinsamen LAN-Parties nachdenke, umso mehr wird mir bewusst, dass ich diese Events aus der Blütezeit meines Lebens gerne durch eine rosarote Brille betrachte. Während man heute ein Spiel auf Steam kauft, auf Steam installiert und dann problemlos über Steam spielt, war es damals nicht ganz so leicht, ein Spiel auf allen Rechnern zum Laufen zu bringen. Zunächst einmal brauchte man einen Switch, an den alle PCs angeschlossen werden konnten. Dann brauchte jeder ein LAN-Kabel und je nachdem, wo man saß, war das Kabel dann häufig auch noch zu kurz, sodass man mit jemandem tauschen musste, der seinen Platz näher am Switch hatte. Wenn man es dann nach einigen Stunden und Bieren endlich geschafft hatte, ein Netzwerk aufzubauen, auf das jeder Zugriff hatte, ging es darum, sich auf ein Spiel zu einigen. Meist hatte eine Person eine CD mit einem Key, die dann rumgereicht wurde. Wenn man dann dachte, alle hätten das Spiel installiert und es könne endlich losgehen, meldete sich ein verpeilter Vollidiot, der das neue Netzwerk erst einmal dazu genutzt hat, freigegebene Videos von anderen Rechnern zu ziehen, anstatt das Spiel zu installieren. In 90% der Fälle handelte es sich dabei um Pornos. Und in 99% der Fälle war ich diese Person. Ich war ein pubertierender Teenager! Verklagt mich doch!

Wir hatten damals einen Schulfreund, der der Sohn des Hausmeisters der örtlichen Gesamtschule war und dementsprechend Zugang zu den Räumlichkeiten der Schule hatte. Wir haben uns also einen Klassenraum zu eigen gemacht und dort alles aufgebaut. Und auch wenn unsere Gruppe damals nur aus Jungen bestand, kamen auch einige Mädchen vorbei und schauten sich das Spektakel an oder “leckten” mit jemandem in der Turnhalle rum, wie die coolen Kids es damals nannten. Zumindest habe ich gehört, dass es dort heiß herging. Ich war beschäftigt mit meinem neuen Porno-Ordner.

Irgendwann danach konnte man dann endlich zocken. Unser Go-To-Game war damals das erste Call of Duty. Auf der Map “Carentan” rannte man gemeinsam durch die Gegend und warf mit Stielgranaten um sich, oder versuchte (so wie ich) mit der Kar98 Kopfschüsse zu verteilen. Meist wurde ich dann vom montierten MG im Zentrum der Karte niedergemäht. Verdammter Preuschoff.

Dort fanden sich dann auch illustre Namen wie Lenin, Hodenkobold, der rote Baron und natürlich Adi. Das stand nicht für Adolf, sondern für Adrian. So hieß einer unserer Schulfreunde und Amor erzählt immer wieder gerne die Geschichte, wie er ihm in Rise of Nations vorgaukelte, er sei mit ihm in einem Team, nur um seine Stadt dann mit Panzern zu überrollen und sich an seinen frustrierten Klagerufen zu ergötzen. Amor war schon damals ein sehr umgänglicher Zeitgenosse.

Spätestens am zweiten Tag gab es immer diesen einen Halbstarken, der seine Grenzen nicht kannte und es mit dem V+ Energy ein wenig übertrieb. In unserem Fall war es Mönne. Seinen richtigen Namen nenne ich an dieser Stelle sicherheitshalber nicht, aber so gut wie jeder, der seinen Spitznamen kennt, kennt auch diese Geschichte, insofern dürfte das klargehen, denke ich. Mönne war ein damals noch blutjunger Metal Head mit den prächtigsten braunen Locken, die ich je gesehen habe und einer Nase wie ein Tapir. Ich weiß nicht genau, wie es passiert ist, aber nachdem ich kurz in der Turnhalle gewesen war, kam ich zurück in das zockende Klassenzimmer und fand besagten Lockenkopf auf dem Switch in seinem eigenen Erbrochenen liegend. Es stank fürchterlich nach Energy Drinks und keiner wollte ihn hochheben. Einem anderen Kollegen bekam der Geruch nicht, woraufhin er sich ebenfalls übergab, es aber immerhin noch nach draußen schaffte. Schlussendlich erbarmte sich jemand und hievte den armen Kerl aus der Mischung aus Chio Chips, Power Horse, Magensäure und Warsteiner. Er wurde dann im ALDI-Mobil abtransportiert, während einige andere Kerle das Produkt seines Malheurs entfernten.

Ich verbinde sehr viele schöne Erinnerungen mit LAN-Parties. Zum Beispiel als mein griechischer Freund Dimitrios mir damals auf DVD den ersten Trailer zu Metal Gear Solid 3: Snake Eater zeigte und ich mir vor Aufregung fast ins Höschen machte. Oder als wir in Rise of Nations die Keil-Strategie anwandten, die im Prinzip nur daraus bestand, Flammenwerfer-Truppen in V-Formation in die gegnerischen Reihen laufen zu lassen. Sie war nicht sonderlich erfolgreich. Und auch wenn diese Wochenenden im Endeffekt eher mit Anstrengung, als mit Spaß gefüllt waren, bemitleide ich all’ die Menschen, die nie in den gleichen Genuss kommen werden. Denn LAN-Parties sind chaotisch und geordnet, eklig und schön, aufregend und entspannend zugleich.

Vergesst Six-Stacks in Overwatch. Vergesst Premade-Teams in League of Legends. Ihr wisst nicht, was Teamgeist bedeutet, ehe ihr in Battlefield Vietnam zu Creedence Clearwater Revival in einem vollen Jeep durch die Pampa gefahren seid, um dann von einem KI-Panzer zerfetzt zu werden. Nein, ich konnte schon damals nicht fahren.

Also packt eure Rechner ein, sucht euch einen passenden Ort und vernetzt euch. Ich verspreche euch, besser werden eure Wochenenden nicht.

Kommentare
 
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  • emontie
    4. März 2018 at 08:24

    Prima Artikel der bei mir alte Erinnerungen weckt. Echt klasse, nur hab ich bei eurer Gruppe die Person vermisst, die genervt die Netzwerkleitung zieht weil sein Kill Death Verhältniss nicht optimal war :).

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  • Lu
    Lu
    4. März 2018 at 14:03

    Ach LAN-Parties.
    Modern Warfare, CS:S, Wolfenstein: Enemy Territory, externe Festplatten, Cracks, Filme, doppelt vergebene lokale IPs, Hass, Liebe, Trauer, zu kurze LAN-Kabel, 1,5 Liter Flaschen Big Pump, Chips, der eine Typ, der Snacks mit aufs Klo nahm, völlige Magenübersäuerung, Kellerbräune, Pickel, Licht-, Sauerstoff- und Schlafmangel, dem Tod ins AUge blicken, weil man einen Zigarillo auf Lunge geraucht hat und Tiefkühlpizza nachts um 3.

    Wann machen wir das mal wieder?

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    • Chucky
      4. März 2018 at 16:15

      Hat was poetisches, so ne LAN-Party. Hätte es das zu Zeiten von Hemingway gegeben, dann hätte er es bestimmt genau so beschrieben. 😀

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  • Mykel Jay
    4. März 2018 at 22:40

    Bei uns fing das mit “Doom”, “C&C Alarmstufe Rot 2” und “Duke Nukem 3D” an.
    Schön über Nullmodem-Kabel 😀

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  • Nimmerlandjunge
    7. März 2018 at 16:01

    Wollte gerade sagen. Wer nicht mit BNC gearbeitet hat, weiß nicht was Netzwerk-Hölle bedeutet…
    Frag mich immer noch wozu man da einen Terminator gebraucht hat, das Netzwerk hat sich eh immer selbst gekillt 😉 😀
    Was war das ein Segen als wir gemeinsam beschlossen haben 10Mbit Karten und einen 8 Port-Hub ( kein Switch, zu teuer!) zu kaufen.

    Aber geiler Artikel. Lan Partys waren einfach immer der Hit.

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