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Cupido’s Diary – Onlinefreunde und der Tod des Couch-Koop

von am 15. April 2017
 

Lesezeit: 4 MinutenFortschritt ist alles. Ohne Fortschritt gäbe es Stagnation. Diese würde unweigerlich zu Rückschritt führen. Daher ist Fortschritt wichtig. Simpel, oder? Nicht wirklich, denn es gibt bekannter Weise viele Arten von Entwicklungen, die man als Fortschritt angepriesen bekommen hat, welche aber mehr Nach- als Vorteile geschaffen haben, zu ungeahnten Konsequenzen geführt haben oder einfach nur  dumm waren. Öko-Diesel zum Beispiel. Steam Greenlight. Oder die heutige Auslegung des Wortes “Koop”.

Good old days

Die nächsten Zeilen werden mich wie einen neophoben, unbelehrbaren Endzwanziger klingen lassen – der ich irgendwie auch bin – aber ich bin mit Nintendo, Sega und Sony aufgewachsen. Diese drei tollen Firmen haben mich mit ihren großartigen Konsolen über unzählige Stunden unterhalten. Und auch wenn den PC seit meinem zwölften Lebensjahr nicht mehr wegzudenken ist und ich auch dort viele phantastische Spiele entdeckt habe, waren doch die Sessions auf der Couch noch etwas Besonderes. Epische Spiele wie Sonic the Hedgehog 2, Tony Hawks Pro Skater, Battletoads, Probotector (unser dämlicher europäischer Name für Contra), Super Mario Kart und viele mehr sorgten für unvergessliche Momente, heroische Siege und viele gegenseitige Beschimpfungen zwischen mir und Kollege Chucky. Und das ist nicht mal übertrieben: wir haben phasenweise sechs von sieben Wochentagen in seinem Kinderzimmer gemeinsam vor dem Mega Drive verbracht und uns dabei die verletzendsten Dinge an den Kopf geworfen, weil wir diesen verdammten Endgegner bei Sonic partout nicht besiegen konnte , verdammte …!

Naja, ich will nicht ins Detail gehen… aber wie kann man das nicht schaffen? Und welcher nihilistische Bastard hat sich den Hirn-Level bei Battletoads ausgedacht? Warum drückst du die Taste so spät? Jetzt können wir den ganzen Dreck nochmal von vorne spielen, weil du die Taste zu spät gedrückt hast! WARUM?!

Evolution, Evolution, Evolution

Ähem, Entschuldigung. Was das eigentliche Thema sein sollte, ist der Niedergang des Couch-Koop. Wenn wir Nintendo mal außen vor lassen, die weiterhin exzellente lokale Multiplayerspiele veröffentlichen, hat sich die Spieleindustrie seit Jahren in eine Richtung entwickelt, die sich nicht weiter vom Couch-Koop entfernen könnte. Das ist mir letztens wieder aufgefallen, als ein Bekannter bei mir zuhause war, meine PS4 sah und gefragt hat, ob wir nicht was zusammen zocken sollen. Klar, dachte ich, auf was hätte er denn Lust? Naja, irgendwas, was man zusammen spielen könnte. Nachdem ich meine physischen Kopien durchgegangen bin und danach in meine digitale Bibliothek geschaut habe, konnte ich tatsächlich nichts anderes als Fifa 17 bieten. Ich hab dann angeboten, eine der Retro-Konsolen anzuschließen, aber er war kein Fan von älteren Spielen. Niemand ist perfekt.

Und ja, ich weiß, dass es eine gewisse Auswahl an guten bis sehr guten Koop-Titeln gibt, doch man setzt sich nicht für eine Stunde ins Wohnzimmer und spielt zusammen Diablo 3 oder Divinity: Original Sin – beides Spiele, die mehrere Wochen verschlingen können ohne dass man überhaupt den Endgegner zu Gesicht bekommt. Und ja, Rayman Legends ist ohne Frage der beste Koop-Jump’n’Run-Titel dieser Generation. Doch das liegt neben der Qualität des Spiels an der fehlenden Konkurrenz. Und was ist mit Splitscreen? Als großer Killzone-Fan war ich geschockt als Killzone: Shadow Fall ohne lokale Koop-Kampagne veröffentlicht wurde. Das gleiche Schicksal mussten Halo-Fans bei deren fünften Ableger erleiden. Und es soll jetzt keiner um die Ecke kommen und sagen, dass das storytechnisch keinen Sinn ergeben hätte oder Grafik darunter leiden würde. Das sind Videospiele. Videospiele werden produziert um Spaß zu machen. Wir haben uns in den Jahren nicht umsonst immer größere HD-Fernseher angeschafft um dann höchsten online mit jemanden einen Titel durchzuspielen – zumal Sony und Konsorten ein kostenpflichtiges Abonnement für die Nutzung voraussetzen. Fortschritt ist alles.

Der Koop ist tot, lange lebe der Koop!

Und um nicht als Heuchler dazustehen nehme ich Activisions Geldmachmaschine Call of Duty aus meiner Hasstirade raus. Was man auch von der Serie halten möchte, man kann seit World At War alles zusammen auf der Couch durchspielen, sei es die Hauptkampagne, der Zombie- oder Spec-Ops-Modus oder auch Onlinepartien! Das ist mehr als vorbildlich und zeigt, dass auch die CoD-Macher bis heute verstehen, was dem Spieler Spaß macht. Und da sie weder gute Ideen für Story, Spielmechanik, Innovation oder der Vermeidung rassistischer Inhalte haben besinnen sie sich in der Hinsicht auf ihre Stärken. Und dafür bin ich dankbar, denn so haben Chucky und ich auch heute noch die Möglichkeit, uns die wüstesten Beleidigungen an den Kopf zu werfen.

Wie schon an Anfang beschrieben ist Fortschritt alles, das ist mir bewusst. Die Videospiellandschaft verändert sich stetig und mit den Veränderungen muss man auch leben können. Onlinespielen ist beliebter als jemals war, E-Sports sind ein großes Geschäft und was man auch über League of Legends denken mag, es macht Geld. Sehr viel Geld. Eine Kopie eines Spiels, was man zu zweit an einer Konsole spielen kann, macht nicht viel Geld, man nimmt sich selbst ja einen potenziellen Käufer weg, weil er das Spiel bereits erlebt hat. Daher kann ich aus rein ökonomischer Sicht verstehen, warum Couch-Koop-Spiele immer seltener werden. Doch wie ich vor exakt 266 Worten schon erwähnt habe sollen Spiele in erster Linie Spaß machen. Und jedes Erlebnis ist in der Regel spaßiger mit Freunden, eine Vasektomie mal ausgenommen.

Wollt ihr noch ein Beispiel dafür? Kane and Lynch: Dead Men ist ein wirklich schlechter, frustrierender Third-Person-Shooter gewesen mit fragwürdigen Designentscheidungen, Clippingfehlern, schwachsinniger Story und zwei Protagonisten, die kaum unsympathischer hätten sein können. Doch was haben Chucky und ich getan? Wir haben es uns geholt, haben uns auf die Couch gefletscht, uns vorher mit Burger King und Afri Cola versorgt und haben dieses verdammte Spiel gespielt. Für ein paar Stunden. Wir kamen an einer Stelle nicht weiter und haben uns gegenseitig beschimpft. Irgendwie ist das der Kitt unserer Freundschaft.

Artikel der Rubrik “Kommentare” sind persönliche und subjektive Meinungsäußerungen unserer Redakteure. Darin geäußerte Meinungen geben nicht unbedingt die Meinung von IKYG oder der Redaktion wieder.
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