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Alien: Isolation – Waffengewalt war gestern

von am 18. Oktober 2014
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Lesezeit: 6 MinutenNostalgie ist schon ein tückischer Hund! Indem sie die Wahrnehmung von Medien aus einem rationalen Kontext herausreißt und sie in eine vergangene, jugendlich naive Erinnerung packt, erzeugen diese Medien viel öfter einen positiven Eindruck. Ein Kindheits-Emulator, wenn man so will. Das Problem ist hierbei, dass diese Form des Selbstbeschisses sehr gut funktioniert, vielleicht auch zu gut. Ich werde mich beim Schreiben dieses Artikels mehrfach ohrfeigen müssen, um am Boden zu bleiben, denn es geht immerhin um DAS Filmmonster der Filmmonster, nämlich um Alien! Videospielerische Interpretationen des Stoffes gibt es seit 1982 bis heute, waren jedoch in Anbetracht der Menge an Spielen selten überzeugend. Alleine Aliens: Colonial Marines war zuletzt nicht nur ein Flop, sondern ein regelrechter Skandal. Mit Alien: Isolation schickt SEGA nun den nächsten Ableger ins Rennen, der das Thema ganz anders angeht. Hingegen der bisherigen Anlehnung an Aliens (dem Sequel mit ‚s‘), welches actionorientiert war, soll Alien: Isolation die klassische Horrorvision des Erstlingswerkes vermitteln, Mensch gegen Alien. Die Entwickler von Creative Assembly bekamen von 20th Century Fox stolze drei Terrabyte an Daten, darunter zahlreiche Notizen, Fotos und Videos des Filmsettings, um diese Aufgabe authentisch zu meistern.

Auf zum “Mutter”schiff!

Alien: Isolation spielt im Jahre 2137, also 15 Jahre nach Alien und 42 Jahre vor Aliens. Ihr spielt Amanda Ripley, die auf eine Mission zur Raumstation “Sevastopol” eingeladen wird, auf dem sich der Flugschreiber der “Nostromo” befindet, dem Schiff auf dem ihre Mutter zuletzt stationiert war, bevor der Kontakt abbrach. Aus den Daten des Flugschreibers erhofft sich Amanda neue Informationen über dessen Verbleib. Wer jedoch die Filme kennt, weiß, dass Ellen Ripley in diesem Moment bereits seelenruhig aber planlos im Kälteschlaf durch das All schippert. So gesehen liegt im Zustand der “Sevastopol” die größere Überraschung, denn die Station ist verlassen, geplündert, ausgestorben. Die letzten Überlebenden berichten von einem Killer, einem erbarmungslosen Wesen, welches sich durch die dunklen, kalten Korridore der Station schleicht und jedem Menschen den Garaus macht, der sich ihm in den Weg stellt. Somit ist das Ziel klar: Erst mal alle Mitglieder der Expedition einsacken und schleunigst den Karren verlassen, und das hoffentlich in einem Stück. Dass dieses Vorhaben in mehrere Missionen unterteilt ist, die sich über die ganze Station erstrecken und innerhalb des Spielverlaufs diversen Wendungen und Twists ausgeliefert sind, erklärt sich von selbst.

Im Weltraum hört dich niemand… und das ist auch gut so!

Der Überlebenswille von Amanda ist stark, und da sie ihre Stärken und Schwächen nur allzu gut kennt, tendiert sie eher zum Rückzug, als zum Angriff. Alien: Isolation ist ein Survival-Horror-Stealth-Game aus der Ich-Perspektive, d.h. die Erfolgsaussichten steigen, wenn niemandem auffällt, dass ihr überhaupt anwesend seid. Anhand eines Kartensystems und darauf verzeichneten Missionszielen bewegt ihr euch durch die Station, sucht nach Schlüsselkarten, bedient die zahlreichen Gerätschaften, besorgt Utensilien oder ebnet eurer Crew den nächsten Weg zur heißersehnten Flucht. Um verschlossene Türen zu überwinden, werden gefundene Gadgets, wie Schraubschlüssel oder Decoder verwendet, die mittels Minispiel umgesetzt werden. Das Ganze könnte so einfach sein, säße euch nicht durchgehend die Bedrohung im Nacken, personifiziert durch fehlerhafte Androiden oder andere Überlebende, die meistens nicht zur Nächstenliebe tendieren. Das Highlight und somit die größte Gefahr in der Atmosphäre ist das Alien. Dieses Vieh ist natürlich viel wendiger, schneller, gnadenloser und benutzt auch gerne mal Schächte in der Decke, um euch in Ungewissheit zu wiegen. Hat es euch erspäht, macht es kurzen Prozess, was gerade in den ersten Stunden des Spiels öfter passiert, als euch lieb ist. Die KI des Monsters ist so konzipiert, dass sie auf Sichtkontakt und Geräusche reagiert. Mit Hilfe des allseits beliebten Alien-Radars dem Motion-Tracker – kann zu jeder Zeit geprüft werden, ob sich das Ding gerade in der Nähe befindet. Rückzugspunkte findet ihr unter Tischen, hinter Kisten, in Lüftungsschächten oder in Schränken. Zugegeben: Zur Frustbewältigung bedarf es etwas Übung, denn so unberechenbar das Alien auch sein mag, es ist letztendlich kulant genug, um euch das Verstecken zu ermöglichen, sofern ihr euch leise und unbemerkt von A nach B bewegt.

Ebenso gibt es per Schaltkästen die Möglichkeit Energiesysteme umzuleiten, um Lautsprecher zu aktivieren, Sicherheitssysteme zu entschärfen, Türen zu öffnen oder die Luftreinigung abzuschalten. Das hinterlässt bei den Gegnern Verwirrung oder verringert die Wahrscheinlichkeit entdeckt zu werden. Wird es brenzlig, kann auf eines der zahlreichen Items zurückgegriffen werden, die ihr anhand von Blaupausen und eines simplen Crafting-Systems zusammenbauen könnt. Darunter finden sich Medipacks, Waffen und Granaten als Notlösung für humanoide Widersacher und Ablenkungsmanöver für das Alien. Wer etwas Geschick und Risikobereitschaft besitzt, der kann sogar versuchen das Alien gegen andere Überlebende auszuspielen. Auch wenn diese Hilfsmittel im späteren Storyverlauf immer häufiger zum Einsatz kommen, bleibt die Prämisse des Spiels stets pazifistischer Natur.

Vom Frusten und gefressen werden!

Die Steuerung des Spiels ist minimalistisch. Nach einfachster FPS-Manier bewegt ihr euch durch die Areale. Hinweise zur Interaktion mit der Umgebung entnimmt man der Leuchtfarbe von LEDs. Grün bedeutet, dass Türen, Behälter oder Schaltflächen bedient werden können, rot bedeutet die Sperrung selbiger. Der Rest wird per Tooltip angezeigt und/oder orange hervorgehoben. Eine Sprungfunktion oder andere akrobatische Manöver gibt es nicht. Wenn demnach ein kleines Geländer wie eine unsichtbare Wand behandelt wird, bremst das zwar den Realismus und wirkt sich hinderlich auf den Spielfluss aus, unterstreicht jedoch die Hilflosigkeit und die Ruhe innerhalb der Atmosphäre. Immerhin erzeugen schnelle Bewegungen Lärm und Lärm macht euch für Feinde sichtbar, was stets zu vermeiden ist. Das HUD beschränkt sich ebenfalls auf eine kleine Anzeige für das per Menü ausgewählte Item, sprich Lebensenergie, Munition oder Vorrat der Granaten. Die dafür notwendigen Materialen lassen sich zufallsgeneriert in Kisten, Koffern oder einfach auf dem Boden finden.

Gespeichert wird mittels Notrufsystemen an der Wand. Zu Beginn des Spiels sind diese durchaus rar gesät, was zu weitläufigen und langfristigen Wiederholungen der Spielabschnitte führen kann, gerade wenn das Verhalten des Aliens noch nicht richtig durchschaubar ist. Hinzu kommt, dass die Vorrichtungen nach dem Speichern nicht direkt wieder verwendet werden können. Es benötigt immer eine Wartezeit, bis am selben Punkt erneut gespeichert werden kann. Im Laufe des Spiels wird das Vorkommen dieser Systeme jedoch stark angehoben, was das Problem beseitigt. In vielen Fällen lohnen sich ebenfalls ein paar Meter Backtracking, um auf Nummer sicher zu gehen. Der Schwierigkeitsgrad ist konstant fordernd, jedoch an einigen wenigen Stellen unfair. In der Regel erzeugt die Notwendigkeit einer überlegten Ruhe in Kombination mit äußerster Wachsamkeit einen tragenden Bestandteil der Grundstimmung, jedoch ist nicht zu leugnen, dass es ausgewählte Momente innerhalb des Spiels gibt, die offensichtlich nur mit Glück bewältigt werden können.

Der Umgang mit dem Alien ist ein ganz anderes Kaliber, denn grundsätzlich ist die KI sehr gut gelungen. Das Ding verhält sich erstaunlich natürlich und signalisiert euch stets, dass ihr in jeder Hinsicht im Nachteil seid. Da der Radar keine Höhenunterschiede berücksichtigt, kann es passieren, dass sich das Alien auf der Anzeige vor eurer Nase befindet, ihr es aber nicht sehen könnt. Das Vieh kann also aus heiterem Himmel von überall her auftauchen und euch zum Rückzug zwingen, egal mit was ihr zu diesem Zeitpunkt gerade beschäftigt seid. Ebenso ist es nicht blöde und wird versuchen Wege, die ihr ihm versperrt, zu umgehen. Auch an eure Waffen wird es sich gewöhnen, denn während ihr es zunächst mit einem kleinen Stoß eures Flammenwerfers in die Flucht schlagen könnt, werdet ihr im weiteren Verlauf immer mehr das Überraschungsmoment brauchen, um das Alien weiterhin zu beeindrucken. Als Spieler ist ein Herantasten an das Verhalten der KI unbedingt notwendig, um letztendlich zu verstehen, wie man sie bekämpft. Das Spiel ist einerseits also nichts für schwache Nerven, sägt jedoch mit vielen unerwarteten Todesszenen an den selbigen.

Nostalgasmus für Kinder der 80er!

Das Durchhaltevermögen wird immerhin mit einer fantastischen Präsentation belohnt. Alien: Isolation bietet keine zeitgemäße Neuinterpretation des Settings, sondern orientiert sich 1:1 an der Filmvorlage. Die Kooperation mit 20th Century Fox hat Früchte getragen! So gesehen ist die virtuelle Abbildung des Science-Fiction-Genres aus dem Jahre 1979 das Authentischste, was die Reihe in Spielform bisher hervorbrachte. Spätestens hier sollten Fans des Films ihren lang ersehnten Nostalgieschub bekommen, wenn sie behutsam durch die stillen Korridore der Raumschiffe schleichen. So stellte man sich 1979 die Zukunft vor! Der Detailgrad geht so weit, dass in den Kajüten der Besatzungsmitglieder Musikkassetten und Zeitschriften aufzufinden sind und die flackernden Bildschirme der Computersysteme mit grüner Schrift auf schwarzem Grund von Commodore stammen könnten. Selbst während den Ladebildschirmen serviert man euch Außenaufnahmen der Raumstation in VHS-Qualität. Charmant sind ebenfalls kleine- sowie große Anspielungen auf Szenen der Filmreihe, die ich natürlich nicht verraten möchte. Unterstützt wird das Setting durch den Originalsoundtrack, der sich dynamisch der Atmosphäre anpasst und von ruhigen- bis bedrohlichen Klängen alle Gefühlslagen der Storyline tragen kann.

Überzeugen kann auch die Darstellung des Aliens, wenn es sich mit geschmeidigen Bewegungen aus einem Lüftungsschacht herablässt oder euch in einer der zahlreichen Tötungssequenzen bedrohlich anfaucht, bevor der Todesstoß ausgeführt wird. Einzig und allein die übrigen NPCs wirken etwas hölzern, was jedoch aufgrund der soliden Lokalisierung dennoch überzeugend wirkt. Die wenigen cineastischen Cutscenes sind gut inszeniert, leiden jedoch vermehrt unter Rucklern. So gesehen ist es beruhigend, dass der Großteil der Zwischensequenzen flüssig aus der Ich-Perspektive wiedergegeben wird und hierbei mit Bombastinszenierung gegeizt wurde.

Fazit

Alien: Isolation macht grundsätzlich alles richtig, um den Horror der Filmreihe in die virtuelle Welt zu bringen. Das Design ist genial, das Alien wundervoll animiert, die Situation scheinbar aussichtslos und die Protagonistin ständig unter Druck. Die Story entwickelt sich ebenfalls zu einem abwechslungsreichem Geflecht aus spannenden Missionen mit vielen Wendepunkten, gepaart mit einer tollen Inszenierung und sogar einigen “Wow”-Momenten. In dieser Hinsicht wischt das Spiel mit vielen seiner spirituellen Vorgänger locker den Boden auf. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass einige Momente des Gameplays die Geduld auf eine harte Probe stellen, denn gerade im Einstieg wird euch nichts geschenkt, so dass sich die wenigen Speicherpunkte zu euren besten Freunden mausern werden. Das kann als Vorteil gesehen werden, denn die daraus resultierende Atmosphäre ist absolut fesselnd. Wer jedoch für derartige Herausforderungen keine Geduld aufbringen kann, den wird das schicke Retro-Gewand leider auch nicht überzeugen. Dennoch ist das Spiel seit Langem eines der besten Horrorspiele, die von einem größeren Publisher stammen, bietet somit dem sonst dominierenden Indie-Bereich Paroli und spielt dabei noch in einem der fiesesten Science-Fiction-Szenarios der Filmgeschichte. Filmumsetzungen können also doch noch gut sein! Alien: Isolation geht mit gutem Beispiel voran!

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Kommentare
 
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    Erunaenia
    18. Oktober 2014 at 14:56

    Hab mir letztens mal ein Let’s Play angeschaut und danach Alien … die Atmosphäre ist im Spiel wirklich sehr gut getroffen. Das ist sicherlich noch beeindruckender, wenn man es selbst spielt.


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    totoro
    19. Oktober 2014 at 11:25

    Für Alien-Fans ist das Spiel ein absolutes Muss. Die Atmosphäre der Filme wurde genial eingefangen, ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, in einem nie erschienenen Alien-Film (der guten Sorte) unterwegs zu sein.


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    MonkeyHead
    20. Oktober 2014 at 08:54

    Ich gucke mir zwar gerade nur ein Let’s Play dazu an, weswegen ein eigenes Urteil nur schwer zu fällen ist, aber ich finde es vom zusehen her sehr frustrierend, wenn durch das Alien immer wieder Spielfortschritt verloren geht. Außerdem habe ich die Konstellation aus menschlichen Freunden und Feinden und den Cyborgs auch noch nicht so ganz gerafft. Atmosphärisch ist es aber richtig gut.


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