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The Outer Worlds oder “Wie Obsidian Bethesda zerlegt”

von am 6. November 2019
 

Lesezeit: 5 MinutenMögt ihr reißerische Überschriften? Ich auch nicht. Klicken die Leute dennoch drauf? Natürlich. Ich hatte sogar noch ganz andere Ideen für eine Überschrift wie zum Beispiel “Obsidian leistet aktive Sterbehilfe bei Bethesda” oder “The Outer Worlds bunkert seine Schlaftabletten im Nachttisch von Fallout 76“, doch wirkten diese eine Spur zu bösartig – und sie waren zu lang. Jedoch glaube ich, dass der Leser bei der jetzigen Überschrift auch wissen wird, worum es hier geht.

Was ich zu Beginn erwähnen möchte: dies ist keine Review zu The Outer Worlds! Vielmehr werde ich Obsidians neuestes Werk als Gegenbeispiel zu allem, was Bethesda in letzter Zeit angerichtet hat, nutzen. Aber damit es zumindest einmal erwähnt wurde: The Outer Worlds ist ein großartiges Spiel, mit Leichtigkeit in meinen Top 5 dieses Jahres und ein Must-Have für jeden RPG-Fan, der Wert auf Humor, großartige Dialoge, interessante Quests und eine durchdachte Story legt. Es ist auf allen Plattformen verfügbar (eine Switch-Version soll noch folgen) und Xbox Game Pass-Besitzer können es auch bereits jetzt auf der Xbox One oder dem PC zocken. Doch was hat The Outer Worlds mit Bethesda zu tun? Der Entwickler ist doch Obsidian und der Publisher ist Private Division, welche für die Veröffentlichung von Klassikern wie – äh, lasst mich kurz googeln – Kerbal Space Program bekannt sind. Nun, es gab eine, sagen wir mal, feurige aber am Ende unglückliche Liebesbeziehung zwischen Obsidian und Bethesda. Aus dieser brutalen Liebschaft entstand der moderne Klassiker Fallout: New Vegas, welches heute unter den Fallout-Fans als der beste Teil der Reihe gilt und die Qualitäten der alten Teilen mit den (damals großartigen) Techniken von Fallout 3 kombinierte und dabei eine großartige Story erzählte. Na, merkt ihr, in welche Richtung das Ganze hier geht?

Nun, wie bereits erwähnt endete diese Beziehung recht ärgerlich für Obsidian und man entschied sich in aller Freundschaft (ähem), von da an getrennte Wege zu gehen. Obsidian lieferte ab da – mit Ausnahme des etwas enttäuschenden Dungeon Siege III – einen Hit nach dem nächsten ab. Mit South Park: The Stick of Truth bekamen Fans der Show und von RPG-Spielen gleichermaßen ein derart unterhaltsames und geschmackloses Spiel geliefert, dass die Hoffnung auf nicht-miserable Lizenzspiele bis heute noch nicht aufgegeben wurde.

Danach servierten sie mit Pillars of Eternity I und II zwei Rollenspiele der ganz alten Schule, welche ebenfalls als längst ausgestorben galten und prätentiöse Gamer konnten endlich einen anderen Titel als Planescape: Torment namedroppen, um das Mädchen hinter der GameStop-Theke weiterhin nicht zu beeindrucken, weil sie keine Ahnung hat, wovon ihr sprecht. Und nun The Outer Worlds, mittlerweile auch als Fallout-Killer bekannt. Doch auch wenn mein Titel es ebenfalls suggeriert, ist es weniger ein Mord und mehr die unfreiwillige Hilfe beim lang gezogenen Suizid.

Denn was hat Bethesda seit 2010 abgeliefert? Klar, 2011 haben sie das lang ersehnte Rage Elder Scrolls V: Skyrim mit gewaltigem Erfolg rausgebracht. Okay, es war zu Beginn etwas buggy und hatte mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen, doch die Leute verschlangen es dennoch über die Jahre – was die einzige Erklärung dafür sein kann, dass es mittlerweile mehr Versionen und Remasters von Skyrim gibt als ich verschiedene Socken besitze. Und 2014 haben sie als Publisher den hungrigen Entwicklern von Machine Games geholfen mit Wolfenstein: The New Order eine der beliebtesten Shooterreihen aller Zeiten wieder zu beleben. Auch wenn man Hitler erst in Wolfenstein II: The New Colossus töten durfte. Doch da war im selben Jahr noch was anderes… ach ja, The Elder Scrolls Online! Wer erinnert sich noch? Was, alle wieder zurück zu WoW und Konsorten gegangen? Instabile Server, fehlender Content zu Beginn, Bugs, technische Schwierigkeiten, erst nach Jahren einigermaßen spielbar gemacht? Oh man, da kann man nur hoffen, dass Bethesdas Onlineausflug ein einmaliger war, da sie offensichtlich nicht mit Onlinespielen klarkommen. Ähem.

Springen wir mal etwas in die Zukunft und lassen alle Stories um Fallout 4, Prey und die The Evil Within-Spiele links liegen (würde den Rahmen etwas sprengen) und schauen noch mal auf das Jahr 2018 – um genau zu sein den 14. November 2018. Bethesda hat über das gesamte Jahr keinen großen Titel veröffentlicht, alle großen Ankündigungen wurden auf 2019 oder noch später verschoben und man wollte sich auf den neusten Fallout-Teil – genannt Fallout 76 – konzentrieren. Und nun ja, what a shit show. Die meisten kennen bereits die diversen Kontroversen um den zweiten MMO-Versuch von Bethesda, welcher weitaus katastrophaler ablief als noch bei TES: Online. Und Fallout 76 wurde bereits von der gesamten Branche als Totgeburt gehandelt, doch aus Gründen, die nur in den Aneurysma-geplagten Köpfen der Entscheidungsträger von Bethesda Sinn ergeben, halten diese weiterhin an dem leblosen und tief verbuggten Körper fest, spießen ihn auf einen Speer und hiefen ihn in der Luft, während sie voller Selbstvertrauen brüllen “Hey, Fallout 76 lebt noch! Schaut her, wie wir es eigenständig mit dem Armen wedelt!”. Und alle – also wirkliche alle wollen mit ihrem Leben weitermachen und andere tolle Spiele spielen, wie zum Beispiel… The Outer Worlds, doch Bethesda drängt sich immer wieder in den Fokus. Seien es enttäuschende Sequels wie Rage 2 (niemand erinnert sich an Rage) oder Wolfenstein: Youngblood (niemand wollte einen Koop-Shooter mit zwei nervigen Teenagern), schwachsinnige Klagen oder der haarsträubendsten Idee seit dem VR-Vasektomie-Simulator. Denn was braucht ein MMO, welches kein Schwein mehr spielt?

Genau, einen Premium-Service. Einen Premium-Service, welcher 119,99€ im Jahr kostet. 119,99€. Im Jahr. Mehr als PS-Plus und XBOX Live Gold zusammen. Und was kriegt man für dieses Schnäppchen, welches sich frecher Weise noch Fallout 1st nennt? Ein funktionierendes Spiel? Fast! Man erhält den Zugang zu privaten Servern (funktioniert momentan nicht richtig), eine Verwertungskiste (schluckt momentan die Items), jeden Monat 1650 Atome (für kosmetische Items), das Ranger-Outfit aus Fallout New Vegas (es gibt eine Mod für Fallout 4 und dort sieht das Outfit besser aus) und ein Überlebenszelt (dazu habe ich nichts Negatives gefunden, aber fuck it). Währenddessen hat Obsidian zur gleichen Zeit The Outer Worlds rausgebracht. Es gibt keine Sonder-Edition, keine Vorbestellerboni, kein Ingameshop. Es ist fast bugfrei, hat NPCs und läuft auf allen Plattformen recht stabil. Es ist kein Season Pass geplant. Obsidian haben einfach ein Spiel entwickelt und dieses dann veröffentlicht, so richtig schön altmodisch. Und wer hätte das gedacht? Die Menschen lieben es. Nicht nur, weil es sich wie ein besseres Fallout spielt. Sondern weil Bethesda mittlerweile mit der Fallout-Marke so liebevoll umgeht wie ein Hühnerfarmer mit männlichen Küken.

Ein Publisher, welcher über Jahre (teilweise unbegründet) als einer der letzten ehrlichen Publisher gehandelt wurde und eine breite Fanbase (mich eingeschlossen) besaß, hat in den letzten Jahren so wenig Selbstreflexion und Respekt gegenüber den Fans und den eigenen IPs gezeigt, Lügen über Lügen verbreitet und jegliches Vertrauen verspielt, dass sogar sicher geglaubte Titel wie Doom Eternal nicht mehr (nur) mit Vorfreude, sondern auch mit Sorge erwartet werden. Man fragt sich mittlerweile nicht mehr, wie das Spiel wird, sondern eher, was wird Bethesda da versauen? Welche kundenunfreundliche Mechanik werden sie noch einbauen? Was wird dafür sorgen, dass man sich denkt “Nicht schon wieder…”? Nach Wolfenstein: Youngblood ist mein Interesse an einem neuen Wolfenstein quasi nicht mehr vorhanden, über Elder Scrolls VI hängt ein gewaltiges Fragezeichen und weiß der Teufel, was sie noch alles mit Dishonered und Co. planen, wobei ich das Wort “planen” so freizügig nutze, dass ich es wohl von der Steuer absetzen kann.

Und so humoristisch ich versucht habe, das Desaster hier darzustellen, so schade und bitter finde ich die ganze Entwicklung. Daher beende ich den Beitrag mit einem Zitat von Obsidian im Frühjahr, welche auf die immer wiederkehrenden Vergleiche zwischen The Outer Worlds und Fallout angesprochen wurden, welcher wirklich für die Größe des Entwicklers spricht:

“Bethesda will die Marke Fallout in eine andere Richtung lenken. Daran ist nichts richtig oder falsch. Das ist ihre Entscheidung. Sie besitzen es, sie können damit machen, was sie wollen. Aber in unserer Wahrnehmung gibt es Menschen, denen Fallout früher besser gefiel. Das ist es, was wir mit The Outer Worlds machen wollen, um den Menschen das zu geben.”

Ich liebe das. Obsidian wird hier von Bethesda nach Hause eingeladen, damit diese ihnen den neuen Teppich im Wohnzimmer zeigen können. Auf die Aussage von Obsidian, dass der Teppich zwar ganz nett aussähe, jedoch der Rest des Wohnzimmers in Flammen steht reagiert Bethesda gelassen und erzählt voller Stolz und Selbstvertrauen, dass der Feuerlöscher bald geliefert wird. Und 119,99€ im Jahr kostet. Und Obsidians Feuerwehrauto vor der Tür steht.

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