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1-2-3-4 – Games & Stories

von am 24. September 2022
 

Lesezeit: 6 MinutenWeiter geht es mit unserer Artikelreihe “1-2-3-4”. Heute soll es nicht um die höchsten Rankings, die heißesten neuen Skins oder den Dance Dance Revolution-Highscore gehen. Nein! Heute geht es um packende Geschichten, tragische Erzählungen, Twists and Turns und herzzerreißende Endings. So wie ein gutes Buch oder ein Film können uns auch Videospiele tief in eine Geschichte eintauchen lassen. Nicht selten sitzen wir dann mit heruntergeklappter Kinnlade vor unseren Bildschirmen und können es kaum fassen. Auch das eine oder andere Tränchen ist auf diese Weise bestimmt schon einmal verdrückt worden. Mir fallen da ein ganzer Haufen solcher Story-Games ein. Von Bioshock über Call of Duty: Modern Warfare 2, zu Mafia 2 und Kingdom Hearts 2. Da ich aber heute euer Host sein darf, soll es hier nicht um mich gehen, sondern um die Antworten meiner lieben Gäste. Denn wie immer habe ich mir tatkräftige Unterstützung eingeladen.

Wie ihr euch sicher denken könnt, gibt es gerade bei Fragen zu Storys den einen oder anderen Spoiler, also hier schon mal eure SPOILERWARNUNG!!

Was ist 1-2-3-4? Ganz einfach: 1 Redaktionsmitglied wirft im 2-Wochen-Rythmus 3 Fragen zu einem Thema auf und 4 Menschen beantworten diese Fragen dann. Eben “1-2-3-4”. Drei dieser Menschen sind Gaming-Experten mit unterschiedlichsten Professionen: Redaktionsmitglieder anderer Media-Outlets, Influencer, Podcaster, Entwicklerinnen und Entwickler und andere Brancheninterne, sowie Ehemalige. Die Mischung macht’s!

Meine Gäste zu diesem Thema sind:

Linda Kamel, Hobby-Streamerin auf Twitch | auf Twitter @cookiepants5

Daniel Staubesandt, auf Twitter @Staubesandt | arbeitet als Redakteur und Moderator beim Digitaldienstleister und Internetsender NerdStar. Ein besonderer Fokus liegt dabei aktuell auf den Vorbereitungen des Starts der 2. Staffel Indie Late Night. Neben digitalen RPGs, Strategiespielen und Roguelikes brennt der stets gut gelaunte Nerd gleichermaßen für Modellbau und Brettspiele.
mehr Infos

Maria Manneck, Digital Artist bei Heavy Media GmbH | Dozentin über Videospiele an der Otto von Guericke Universität Magdeburg | auf Twitter @Admiralschnitzl

Mykel Jay beantwortet dieses Mal die Fragen als IKYG-Team-Mitglied.

Los geht’s!!!

Was macht für dich eine gute Story aus?

Linda Kamel: Eine gute Story lebt von Emotionen und deswegen sind für mich besonders die damit verbundenen Charaktere wichtig. Man muss mit den Charakteren mitleiden, mitfiebern und sich auch mitfreuen können. Wenn Charaktere unsympathisch oder zu blass geschrieben sind, lässt mich die Geschichte meistens relativ kalt und holt mich einfach nicht ab.

Daniel Staubesandt : Eine gute Story, vor allem in Videospielen, muss mich überraschen können. Ich will nicht zum 134. Mal die klassische vorhersehbare Heldenreise erleben, in der alle Protagonist:innen mit Familie, Freunden und Haustieren ihr Happy End feiern. Ich möchte in unerwartete Situationen und Twists geworfen werden, die ich noch nicht kenne; die mich bewegen – bei denen ich innehalte und denke: “Krass. Das hab ich nicht erwartet!”

Außerdem sollten meine Entscheidungen, gerne zwischen verschiedenen Graustufen statt nur schwarz und weiß, Konsequenzen mit sich tragen. Selbst, wenn ich nach dreißig minütigem Bildschirmstarren und Abwägen der Situation dann doch mit einem ungünstigen Ergebnis leben muss.

Maria Manneck: Ich liebe Geschichten, die einen starken dramaturgischen Tiefgang aufweisen und mit ungeahnten Wendungen aufwarten. Es muss von Anfang an eine starke Bindung zum Protagonisten geschaffen werden, so dass ich die gesamte Zeit über mitfiebere. Emotionsaufbau ist für mich treibender Faktor einer guten Geschichte, weil ich berührt werden und auch nach Ende der Story noch lange darüber nachdenken möchte. Im Kontext von Videospielen ist es für mich ebenfalls essentiell, dass die Geschichte durch Spielelemente und Leveldesign getragen und ergänzt wird.

Mykel Jay: Eine gute Story saugt mich hinein, wie bei einem guten Buch, dass man gar nicht mehr weglegen will, obwohl schon die Augen müde werden. Wenn die Charaktere und ihre persönliche Reise bis hierher schon neugierig macht oder mich staunen lässt und in mir den Wunsch auslöst noch mehr über seine Welt, seine Hintergründe erfahren zu wollen. Die entscheidende Tiefe bekommen Charaktere und Geschichten durch gut gebaute Verknüpfungen untereinander. Und wenn sich dann noch schicksalshafte Wendungen ereignen oder die eigenen Handlungen im Spiel plötzlich Paradigmen verschieben oder den moralischen Kompass erschüttern, ja, dann hat man mich!

Was ist dein liebstes Story-Game und warum ist das so?

Linda Kamel: Final Fantasy X! Es hat mich vom ersten Moment an gepackt, nicht zu wissen, was gerade eigentlich passiert und die sich immer mehr entfaltenden Geheimnisse der Welt, die liebevoll gestalteten Charaktere und die Tragik, die sich immer weiter enthüllt, haben mich konstant dazu angetrieben weiterzuspielen. Und natürlich wäre es kein Final Fantasy, wenn am Ende nicht ein paar Tränchen fließen würden, weil man emotional so involviert ist.

Daniel Staubesandt : Es gibt viele Story-Games, an die ich mich heute noch erinnere. Entweder weil sie besonders episch waren, schockierend, lustig – oder weil das eine oder andere Tränchen kullerte. Manchmal alles auf einmal. Ich denke da z.B. an Dragon Age: Origins, Ni No Kuni oder Telltale’s: The Walking Dead. Mein liebstes Story-Game ist allerdings das, wegen dem sich der kleine Daniel damals von seinem zusammengekratzten Ersparnis überhaupt ne PS3 gegönnt hat: Heavy Rain von Quantic Dream. Die geniale Erzählweise durch die Blickwinkel und Story-Stränge der vier Protagonist:innen hat mich unfassbar fasziniert. Dazu das spannende und gleichzeitig berührende Thema: “Wie weit würdest du gehen, um diejenigen zu retten, die du liebst?”. Einfach gut. Ich war 14 und so ne Story hatte ich bis dato nicht erlebt.

Maria Manneck: Für mich gibt es gar nicht DAS liebste Story-Game, da meine Favoriten einfach auf ihre Arten so unterschiedlich und einzigartig sind. Gothic 2: Die Nacht des Raben fand ich als längeres Game auf Grund vom erzählerischen Abwechslungsreichtum, vielseitigen Charakteren, Entscheidungsmöglichkeiten und dem tollen Humor einfach klasse. Dagegen steht beispielsweise das Horrorgame P.T., welches mit wenig Storyelementen, aber brilliantem Leveldesign die Geschichte im Kopf entstehen lässt.

Mykel Jay: Ich würde so gerne The Legend of Zelda: Breath of the Wild sagen, aber… das geht nicht. Auch wenn mich dieses Spiel aufgesaugt hat. Ich könnte auch Red Dead Redemption nennen, das mit seinen vielen kleinen – nicht selten schrägen – Charakter-Geschichten wunderbar unterhalten hat. Mache ich aber auch nicht. Statt dessen: To the Moon. Kan Gaos Erstlingswerk hat mich emotional total angehauen. Wenn ich den Soundtrack heute zwischendurch mal auflege, dann bin ich sofort wieder drin in diesem wundervollen Spiel, bei dem zwei Wissenschaftler durch die Erinnerungen eines im Sterben liegenden Menschen umherwandern und Stück für Stück ein lange gehütetes Rätsel entwirren. Während ich das schreibe, habe ich das Titelthema im Kopf, Gänsehaut und ein wenig Pipi in den Augen. Wahnsinn. Nach zehn Jahren noch.

Packen Dich eher Spiele mit einer kurzen dichten Story oder Spiele mit einer epischen, aber langen Story?

Linda Kamel: Ich persönlich bevorzuge eher mittlere bis kurze Story-Spiele, da ich besonders bei langen Games mit offener Spielwelt eher den Fokus verliere und durch etliche Sammelmissionen und Nebenquests so abgelenkt werde, dass die eigentliche Hauptstory und deren Inhalt oft verlorengehen.

Daniel Staubesandt :Auf beide Arten kann man ne geniale Geschichte erzählen. Ich liebe, wie so viele andere auch, The Witcher 3. Ein Spiel mit unglaublich umfangreicher Story, in die viele knappe Geschichten eingewoben sind. Die “Bloody Baron” – Questline ist eine meiner all time favorites. Also müsste ich eigentlich sagen “Ne Mischung aus beidem”. Leider können solch lange Geschichten meine Aufmerksamkeit selten halten. Ich kann die epischen Stories, die ich in Videospielen komplett erlebt habe, an einer Hand abzählen. Viele bringe ich dank Zeitmangel und/oder Wechsel meiner Aufmerksamkeit auf ein anderes Game nicht zuende. Elden Ring (kein klassisches Story Game, aber du weißt schon) hab ich immer noch nicht durch. Ein Jammer. Deshalb packen mich aktuell wohl eher die kurzen, dichten Stories

Maria Manneck: Das hängt glaube ich von vielen Faktoren ab. Ist die Geschichte sehr lang mit vielen Verzweigungen und Pfaden, kann es sehr immersiv sein, aber sobald man aus dem Spiel aussteigt und wieder anfängt, hat man in der Regel den Faden verloren. Das ist mir beispielsweise bei The Witcher 3 passiert. Ich hatte kürzlich aber auch den gegensätzlichen Fall und kaufte mir Midnight Scenes: The Nanny im Steam Sale. Effektiv eine Stunde Spielzeit, aber eine so tolle Story mit vielen Cliffhangern, dass ich noch sehr lang darüber nachdenken musste, weil es eine kurze intensive Erfahrung war.

Mykel Jay: Das lässt sich pauschal gar nicht so sagen. The Legend of Zelda: Breath of the Wild reicht mit seiner epischen Geschichte für locker 100 Stunden und mehr und schreit danach langsam und genüsslich enthüllt zu werden, weil man in eine ganze Welt schlüpfen kann, aus der man so bald auch gar nicht mehr heraus will. Und dann gibt es Spiele wie Spec Ops: The Line, dass du wie in einem Rausch durchspielst, weil sich die Geschichte eben auch eher wie bei einem Action-Film entfaltet. Ich mag tatsächlich beides sehr gerne. Die zu erzählende Geschichte gibt ja oft das Genre vor und ich finde man sollte den Geschichten einen entsprechenden Rahmen bieten. Allerdings gestehe ich, dass mir mit zunehmendem Alter die Zeit fehlt, mich 50 oder mehr Stunden mit einer Spielwelt zu befassen. Leider, muss ich hinzufügen!

In 14 Tagen haben wir dann ein anderes Thema und andere Gäste für Euch zusammengetrommelt.
Lasst uns in den Kommentaren gerne wissen, wie ihr die Fragen beantwortet hättet.
Wir freuen uns über jedes Feedback!

Kommentare
 
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  • MonkeyHead
    28. September 2022 at 19:40

    Storys in Videospielen. Eine alte Geschichte. Ich könnte jetzt sagen, dass man sich in Videospielen zu leicht mit Geschichten und Charakterisierungen abspeisen lässt, die man in Film und Serie und Buch zerrissen hätte. Oder das immer noch viel zu selten Story und Gameplay im Einklang sind.

    Eine gute Geschichte erklärt mir, warum ich mit einer Figur durch ein Abenteuer gehe. Wenn ich verstehen kann, warum ich mich jetzt durch die Welt schlage, dann ist schon viel gewonnen. Dann kann ich auch so manches verzeihen, was vielleicht nicht ganz logisch ist. Eine gute Geschichte erweitere ich aber auch selbst. Ich muss sie nicht spielen, aber die Spielewelt muss mir Futter geben, wo ich mir denke, wie ist es da so geworden, was ist mit der Figur, usw. Ich muss es nicht im Spiel haben, aber es muss meine Fantasie reizen. Eine gute Videospielgeschichte muss inhaltlich funktionieren, aber auch emotional, weil ich durch das spielerische Element mehr involviert bin. Und dann ist es auch egal, ob das Spiel linear ist oder völlig offen. Ob AAA oder Indie-Titel. Ob 2 Stunden oder 100 Stunden.
    Nur eins ist wichtig. Verkauf mich nicht für dumm und präsentier mir keine Geschichte, die ich nach einmal nachdenken auseinandernehmen kann.

    Zwei Beispiele noch. What Remains of Edith Finch. Ich kenne kaum ein Spiel, in dem Geschichte und Gameplay so gut miteinander verwoben sind. Hier passt Storytelling und Spiel wirklich perfekt zusammen.
    Das zweite Beispiel ist The Stillness of the Wind, weil sich hier die Geschichte in meinem Kopf abspielt. Und zwar immer wieder neu, weil ich immer neue Facetten erfahre, die einen neuen Blickwinkel bringen oder eine gänzlich neue Geschichte.


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