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Killerspiele im Schulunterricht? – Was für ein Blödsinn!

Ich habe am Wochenende einen Artikel gelesen, bei dem mir fast die Feder aus der Matte gestiegen wäre. Die Headline allein hat mir fast den Appetit verdorben: “Werden Kinder bald in der Schule Killerspiele spielen?” Ich dachte wir hätten den Begriff “Killerspiele” endgültig hinter uns gelassen. Ich dachte wir wären in der Diskussion um Videospiele wirklich einen Schritt voran gekommen. Aber leider scheint dem nicht so zu sein. Der ganze Artikel ist ein einziger Aufreger. Gespickt mit wissenschaftlichen Halbwahrheiten und Ungenauigkeiten.

Der erste Absatz:
“Ein Schüler wünscht sich Zocken als Unterrichtsfach. In Deutschland ist das noch undenkbar. Der Lehrer Michael Felten findet, die Schule muss ein Schutzraum bleiben.”

Lehrer Michael Felten hat den Artikel übrigens auch geschrieben. Das erklärt die teilweise unsaubere journalistische Arbeit des Artikels, wirft aber Fragen auf, warum die Zeit diesen Artikel so “abdruckt”. Mir rollen sich im folgenden die Fußnägel auf.

Elternfrage: “Siehst du”, sprudelte kürzlich mein Fünfzehnjähriger ganz ungewohnt los, “in Norwegen gibt’s jetzt Computerspiele im Unterricht, auch mit Ballern und so – und wenn einer dem Lehrer virtuell einen Kopfschuss verpasst, wird er von dem sogar gelobt”. Im Unterricht hatte seine Klasse über einen Zeitungsartikel zum Thema diskutiert. Muss ich befürchten, dass mein jüngerer Sohn demnächst ganz offiziell an Killerspiele gerät? Und müsste ich mich dann damit abfinden?

Was Sie schildern, klingt wie Fake-News erster Güte. Ja, gewaltverherrlichende Computerspiele sind als Freizeitbeschäftigung weit verbreitet. Aber das kann ja nun wirklich schlecht als Grund dafür herhalten, diese auch in den Kanon sinnvoller Bildungsinhalte aufzunehmen – sonst wäre noch manch anderes makabre Unterrichtsfach denkbar. Nein, umgekehrt wird ein Schuh daraus: Gegenüber der Flut verrohender digitaler Angebote darf und muss gerade die Schule als Schutzraum verstanden und bewahrt werden. Allein übermäßiger Medienkonsum birgt ja nach neuester Forschung erhebliche Entwicklungsrisiken.

Zwar liest man in regelmäßigen Abständen, die attraktiven Onlinespiele würden strategisches Denken und Treffsicherheit trainieren. Aber wollen wir das wirklich für unsere Kindern: eine an Gewaltmustern “geschulte” Persönlichkeit? Natürlich lässt sich wissenschaftlich keine unmittelbare Kausalität herstellen, derart dass aus jedem virtuellen Ballerer zwangsläufig ein Amoktäter wird. Aber seelische Verrohung und Abstumpfung werden in vielen Fällen durch häufigen Konsum begünstigt.

Der Bundesfachverband Deutscher Psycholog(inn)en BDP jedenfalls warnte im vergangenen Jahr davor, den Einfluss von Ballerspielen auf die Gewaltbewertung und -bereitschaft von Heranwachsenden zu verharmlosen. “Genau wie die Produktwerbung im Fernsehen das Kaufverhalten im Supermarkt beeinflusst, wirkt sich das Töten und Verletzen im Rahmen von Killerspielen auf Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen im echten Leben aus. Gewalterfahrungen im realen Leben und in den Medien verstärken sich gegenseitig und führen nicht nur kurzfristig, sondern auch langfristig zu einer positiven Bewertung von Gewalt.” Und je intensiver solche Spiele gespielt werden, umso größer wird das Risiko für manche Jugendliche, auch mal selbst zum Täter zu werden – oder zumindest Gewalttaten anderer zu billigen, also nicht zu verhindern.

Wow.
Hier kann ich mich nicht zurückhalten.
Ja, es stimmt, dass im norwegischen Gymnasium “Arna Vidaregåande Skule” CS:GO gespielt wird im Unterricht. Ja es stimmt, dass dort Schulnoten für das virtuelle Töten vergeben werden, wenn man es auf diese Formel runterbrechen will. Dass der ursprüngliche Ansatz dieses Unterrichtskonzeptes auf Studien basiert, die Schülern, die regelmäßig Computerspiele spielen, einen besseren Zugang zu Mathematik und Naturwissenschaften, sowie eine gesteigerte Lesekompetenz bescheinigen, wird hier jedoch weitestgehend unterschlagen. Videospiele fördern nachweislich das strategische Denken und – eigentlich traurig aber wahr – die soziale Interaktivität. Letzterer Punkt ist sicherlich differenzierter zu betrachten, da er stark vom Spielverhalten und dem bevorzugten Genre eines Spielers abhängt. Wer alleine im stillen Kämmerlein ein Spiel im Singleplayer zockt, hat sicherlich eine andere soziale Interaktivität, als jemand der gerne am Abend mit Freunden und Bekannten on- oder offline zusammen spielt.

Arbeiten wir mal die psychologischen Aspekte ab, die vom Autor erwähnt werden.
Ich gestehe Spielen mit gewalttätigen Inhalten einen gewissen Effekt auf die Psyche zu. Das lässt sich kaum leugnen. Ich höre mehrere Tage die Woche meinen Nachbarn in der Wohnung unter mir schreien, wenn er in Overwatch die Hucke vollkriegt. Ich kenne aber auch Leute, die selbige Ausraster in einem Spiel wie Mario Kart 8 haben. Und wer bitte würde letzteres Beispiel ein “Killerspiel” nennen?

Darüber hinaus ist die oft in den Medien lancierte “gesteigerte Gewaltbereitschaft” zwar vorhanden und messbar, verfliegt jedoch binnen kürzester Zeit. In der Regel ist die Phase des “erhitzten Gemüts” innerhalb von zehn Minuten vorbei. Daraus eine dauerhafte Verrohung von Jugendlichen abzuleiten, halte ich für sehr fragwürdig. Wenn das stimmen würde, hätten wir – wie schon so oft in der Killerspiel-Debatte angeführt – eine wahre Flut von amoklaufenden Hirntoten herumlaufen. Ich halte mich für einen ziemlich friedfertigen Menschen. Die Zahl der Prügeleien an denen ich beteiligt war, liegt bei fünf. Und immer ging sie von anderen aus.

Aber darum geht es ja gar nicht. Verzeihung.
Also: Würden wir Kinder zu blutrünstigen, abgestumpften Beinahe-Killern erziehen, wenn wir Spiele in den Schul-Unterricht aufnehmen?
Sicherlich nicht. Denn: Die Kids spielen diese Spiele sowieso. Zuhause! Auf ihren Rechnern, Laptops, Tablets, Konsolen, Handhelds und Handys!
Und wenn ich mir vorstelle, dass Lehrer, die oft schon am Thema “Medienkompetenz” ebenso scheitern wie die Eltern daheim, kann ich von einer solchen Unterrichtsreihe auch nur dringend abraten. Denn die positiven Lerneffekte bleiben, bei nicht entsprechend geschultem Personal, total auf der Strecke. Ganz zu schweigen von moralischen und ethischen Komponenten, die zwangsläufig in einen solchen Unterricht einfließen müssten.

Das Thema ist irrsinnig komplex und sicherlich kein einfaches.
Die Gesellschaft muss sich, zum Wohl der Kinder, mit “Medienkonsum” im Allgemeinen und “Videospielen” im Speziellen mehr auseinandersetzen. Ohne Lobpreisung aus der einen Richtung und Dämonisierung aus der anderen Richtung. Wenn Eltern ihren Kindern unkontrollierten Zugang zu Spielen jedweder Art geben, dürfen sie sich nicht wundern, dass sich das Kind in eine merkwürdige Person verwandelt, zu der die Eltern keinen Zugang mehr finden. Denn diese Eltern handeln genau so falsch, wie diejenigen, die ihren Kindern Zugang zu modernen Medien verwehren.

Wer ein Kind in die Welt setzt, muss sich – scheinbar völlig überraschend für einige Menschen – mit dem Kind beschäftigen. Erziehung heißt nicht, das Kind erst in den Kindergarten, dann in die Grundschule und später in die weiterführende Schule zu schlörren. Fernsehen, Filme, Musik, Bücher, Spiele… das Alles kann man doch nicht ungefiltert auf Kinder einprasseln lassen.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, wäre es vielleicht doch eine gute Idee Videospiele im Rahmen einer schulischen Medienkonsum-Unterrichtsreihe mit einzubauen. Denn wenn sich schon zu Hause keiner dafür interessiert, dass der 13 jährige Thomas vier bis sechs Stunden Call of Duty im Kinderzimmer spielt und die ganze Zeit “Stirb, du Fotze” brüllt, sollte das vielleicht wenigstens in der Schule mal behandelt werden. Allerdings erfordert das geschultes Personal. Eine Art Workshop mit Spezialisten wäre vielleicht ein erster Schritt. Für Schüler, Lehrer und Eltern gleichermaßen.

Immerhin hier gibt mir der Autor in Teilen Recht:

Und damit wären wir beim Stichwort häusliche Verantwortung. Viele Eltern (die meisten Lehrer übrigens auch) haben keinen blassen Schimmer davon, was ihre jüngeren und älteren Sprösslinge medial so treiben. Manche Medienexperten raten deshalb: In Kinderzimmern sollten keine Bildschirme stehen, ein Smartphone nicht zu früh in Kinderhände kommen, die Internetnutzung begrenzt und kontrolliert werden.

Ich halte eine Medienaufklärung und einen offenen und vor allem ehrlichen Umgang mit Medien jeglicher Art für die beste Art und Weise mit der Problematik umzugehen. Der 13-jährige Thomas muss erklärt bekommen, warum er Call of Duty nicht spielen darf und auch nicht sollte. Und aus dem gleichen Grund muss er erklärt bekommen, warum er The Walking Dead nicht sehen sollte. Und warum seine 12-jährige Schwester Anna nicht Shades of Grey lesen sollte. Leider bedeutet das, dass man sich mit dem Thema umfassend beschäftigen muss. Aber irgendwer sagte mal “Kinder machen jede Menge Arbeit”. Wer nicht bereit ist, Zeit in die Erziehung des eigenen Nachwuchses zu investieren, sollte vielleicht lieber keine Kinder in die Welt setzen.

Gibt eh schon zu viele Menschen auf dem Planeten.

Hier übrigens der komplette Artikel der Zeit: Werden Kinder bald in der Schule Killerspiele spielen?

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Über Mykel Jay

Daniel "Mykel Jay" Schäfer hatte 2009 nach dem TV-Aus von GIGA mit ehemaligen Kollegen IKYG gegründet. Nun ist er quasi der letzte Mohikaner der Gründer und leitet die Redaktion. Neben der Schlussredaktion, der Organisation, der Video- und Webproduktion verantwortet Daniel auch Marketing und PR. Neben dem Zocken, kocht er wahnsinnig gerne (www.brotebrotebrote.de), macht häufig am Rechner die Nacht zum Tage und träumt von einem kleinen Häuschen auf Lanzarote.

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Ein Kommentar

  1. Mein erster Gedanke zu dem Thema war und ist. GÄÄÄÄÄÄÄHN!

    So wie es undiffernziert ist zu sagen, dass Spiele, egal welchen Genres, keinen Einfluss auf Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene haben, ist es auch undifferenziert zu sagen, dass Spiele nur negativen Einfluss auf uns haben. Den das was stimmt, ist, dass Spiele Einfluss auf uns haben. Und das ist auch gut und richtig so. Denn das ist die Intention hinter jedem Medium. Filme beeinflussen uns, Musik beeinflusst uns, Bücher beeinflussen uns und so ist es auch mit Videospielen. Das einzige was fehlt ist der kompetente Umgang damit. Das liegt aber auch daran, dass gerade Lehrkräfte erst jetzt so langsam nachwachsen, die mit dem Thema Videospiel aufgewachsen sind und somit einen viel differenzierteren Umgang mit dem Thema haben. Ob ihnen dadurch schon eine Medienkompetenz zugesprochen werden kann oder das ganze allgemein unter dem Bereich Erfahrung zusammengefasst werden sollte, steht auf einem anderen Blatt.

    Doch Kompetenz fängt schon im kleinen an. Achtet darauf was euer Kind in welchem Alter spielt. Wie lange es spielt. Spielt mit eurem Kind, denn wenn ihr Interesse an den Hobbys eures Kindes habt, wird es auch aufgeschlossener gegenüber seinen Eltern sein. Wir brauchen auch keine schärferen Gesetze und Regeln. Die USK und auch FSK sind gute Institutionen die gute Arbeit leisten. Es fehlt an Umsetzung im Alltag, wenn sich 13 Jährige Spiele und Filme kaufen können ohne das Eltern oder auch Verkäufer eingreifen. Und das Argument, Ja aber die anderen spielen das doch auch, zählt da einfach nicht.

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