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Tales of Berseria – Der Racheengel trägt Hotpants

Dass sich die Tales of-Reihe seit dem Erscheinen von Tales of Symphonia im Jahre 2003 einen festen Platz in der Hall of Fame der japanischen Rollenspielgeschichte gesichert hat, dürfte den meisten Videospielfans bereits klar sein. Es gab sogar eine Zeit, in der ich die Reihe als Ganzes dem legendären Final Fantasy-Franchise vorgezogen habe. Meinen persönlichen Liebling Tales of the Abyss habe ich vermutlich öfter durchgespielt als Final Fantasy IX und X zusammen. Natürlich war ich dementsprechend ekstatisch vor Freude, als ich den Trailer zu Tales of Berseria zum ersten Mal sah. Ob das Spiel als Ganzes jedoch mit meinem ganz persönlichen Hype mithalten kann, das steht noch zur Debatte.

Alt, aber nicht obsolet

Schon von Anfang an ist klar: Tales of Berseria hält sich an die übliche Rezeptur. Ein wunderschön gestaltetes Anime-Intro, das die Protagonisten und Antagonisten in actiongeladenen Kampfszenen vorstellt. Produziert wurden die Filmsequenzen erneut vom japanischen Animationsstudio ufotable, das seit Tales of Xillia im Jahr 2011 für die Animationen der Reihe zuständig ist. Ergänzt wird das Ganze mit einem J-Rock-Opening der Band Flow, das sich wie maßgeschneidert an die Atmosphäre des Settings anpasst und jedes Otaku-Herz auf der Stelle höher schlagen lässt. Und auch wenn ich mich nicht als Otaku bezeichnen würde, muss ich zugeben, dass auch ich in diesem Moment am liebsten „Sugoi!“ (jap. „Wow!) geschrien hätte. Bandai Namco weiß, was Animefans wollen! Das haben sie schon lange bewiesen. Wer allerdings Innovation erwartet, der ist dort jedoch definitiv an der falschen Adresse. Diese Art von Intro haben wir schon tausend Mal gesehen und sonderlich viel hat sich seit den 3D-Anfängen rund um Tales of Destiny und Tales of Eternia auch nicht getan. Natürlich wurde die Optik mit jedem neuen Titel ein bisschen verschönert und auf Hochglanz poliert, aber der Modus Operandi bleibt der gleiche. Mir stellt sich nur die Frage, ob das prinzipiell erst einmal etwas Schlechtes ist. Getreu dem Motto “Never change a winning team!” klammert sich die Reihe fast schon dogmatisch an das, was sie großgemacht hat. Und was soll ich sagen? Es funktioniert. Tales of Berseria schafft es, mit einer komplett neuen Storyline und vollkommen unbekannten Charakteren nostalgische Gefühle in mir auszulösen. Das ist auch eine Kunst.

Wir haben Frauen! Wir sind Feministen!

Nachdem also das Opening vorbei war und ich mit riesigen, strahlenden Augen erwartungsvoll auf den Bildschirm starrte, wurde mir die Wahl gelassen: Japanisch oder Englisch. Die freie Wahl der Sprachausgabe ist wie immer ein schönes Feature, das gerade Anime-Fans gefallen dürfte. Und schon startete ich das hochgepriesene Abenteuer. Was direkt ins Auge fiel und auch schon seit der Ankündigung des Games ein Thema war: Tales of Berseria ist der erste Teil der Reihe mit einer weiblichen Protagonistin. Ließ Tales of Xillia dem Spieler noch die Wahl, ob man nun als Frau oder Mann ins Abenteuer startet, beantwortet Tales of Berseria nun endlich die Rufe nach einem weiblichen Solo-Leadcharacter. Aus feministischer Perspektive fand ich das konsequent und wichtig, allerdings folgte innerhalb der ersten zwanzig Minuten Spielzeit wiederum Ernüchterung. Das (in Anführungsstrichen!) “mädchenhafte”, pinke Logo, die Tatsache, dass das Outfit der Protagonistin Velvet mehr Brust zeigt, als die erste Staffel Game of Thrones und die ständigen Anspielungen, Velvet solle sich mehr um ihr Äußeres kümmern, weil sie sonst keinen Mann finden würde. That’s not how this works, Bandai Namco! Allein dafür gibt es von meiner Seite aus Punktabzug. Es reicht nicht, uns eine weibliche Protagonistin hinzuklatschen und zu sagen, das sei feministisch relevant, wenn diese weibliche Protagonistin gleichzeitig als Fanservice für die männliche Zielgruppe fungiert und so gut wie alle sexistischen Rollenklischees erfüllt! Ich möchte noch erwähnen, dass nichts gegen ein sexy Outfit spricht, wenn es zum jeweiligen Charakter passt (s. Bayonetta), aber Velvet wird als rein pragmatische Kämpferin dargestellt, die sich nicht um ihr eigenes Äußeres schert. Die übertriebene Darstellung ihrer körperlichen Reize wirkte auf mich deshalb eher fehl am Platz und fühlte sich falsch an. Da hilft auch nicht die Begründung, das Outfit diene der Bewegungsfreiheit. Velvet wird schlichtweg übersexualisiert und soll hübsch aussehen.

Gameplay gewohnt makellos

Spielerisch überzeugt Tales of Berseria allerdings. Ich habe auch nichts anderes erwartet. Wer einen großen Bogen um rundenbasierte Kampfsysteme macht, der könnte an den Tales of-Spielen Freude finden. Ein actionbasiertes, dynamisches Kampfsystem, das sowohl technisch als auch strategisch durchdacht ist, macht insbesondere die Bosskämpfe dieser Spielereihe unglaublich befriedigend. Jeder Charakter hat unzählige Fähigkeiten, über die man schnell auch mal den Überblick verlieren kann. Insbesondere wenn man bedenkt, dass man theoretisch jeden der vier Charaktere in einer Party manuell steuern kann. Ich könnte jetzt das Kampfsystem in seiner Gänze erklären, aber gerade auf dem Papier wirkt es sehr kompliziert, obwohl es eigentlich recht intuitiv ist. Im Prinzip startet jeder Kämpfer pro Kampf mit einer bestimmten Anzahl an Seelen. Diese Seelen sind sozusagen Action-Points, die man beim Anwenden von Techniken (Artes) verbraucht. Mit der Zeit füllen sich diese Seelen von allein auf, aber das Besiegen von Gegnern oder das Ausweichen von Attacken gibt einem mehr Seelenslots, sodass man mehr und stärkere Angriffe ausführen kann. Benutzt man eine Spezialattacke, verliert man einen Seelenslot. Die Seelen sind sozusagen eine Ressource, mit der man effizient haushalten muss. Benutzt man zu viele, kann man nicht mehr so viele Combos machen. Benutzt man zu wenige, teilt man zu wenig Schaden aus. Dann gibt es noch die richtig starken Spezialattacken (Mystic-Artes), für die es eine extra Sturmanzeige gibt, die man durch das Anwenden von Kombos füllt. Unterschieden wird zwischen Kriegs-Artes, Malak-Artes, verborgenen Artes, Seelenbrechern und… naja, wie gesagt. Es klingt auf dem Papier ein wenig kompliziert und überfordernd. Lasst euch davon aber nicht abschrecken! Den Spieler führen Tutorial-Kämpfe nach und nach durch das gesamte Kampfsystem, sodass selbst ich mich einigermaßen zurechtgefunden habe.

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Auch außerhalb der Kämpfe spielt sich Tales of Berseria recht flüssig. Teilweise sind es sogar gerade die ruhigeren, storylastigen Situationen die das Game so interessant machen. Während man sich von Ortschaft zu Ortschaft und von Dungeon zu Dungeon bewegt, gibt es immer mal wieder kleine Gesprächsszenen (sogenannte Skits), die man per Knopfdruck triggert und die tieferen Einblick in die Persönlichkeiten der gut ausgearbeiteten Charaktere bieten. Es gibt in jedem Dungeon einige optionale Bereiche, in denen es Items oder andere Sammelobjekte (z.B. kosmetische Items) zu finden gibt. Einige würden sagen, das Ganze habe nur den Zweck, die Spielzeit unnötig in die Länge zu ziehen, aber ich denke, dass Sammler durchaus ihren Spaß an diesen kleinen Features haben dürften. Zwischendurch tritt das Spiel allerdings auf der Stelle und gibt einem Quests, die auf den ersten Blick rein gar nichts mit der eigenen Geschichte zu tun haben, aber notwendig sind, um in der Story voranzuschreiten. Das sind die spielerischen Talfahrten des Games und die sorgen zeitweise für eine gute Ladung Frust.

Sieht schön aus, ist es aber nicht

Tales of Berseria ist ein Hochglanzwerk. Da besteht kein Zweifel. Die Anime-Visuals sind makellos und auch die 3D-Renderings der Charaktere und der Umgebung sind schick anzusehen. Allerdings wirkt der gesamte Stil des Spiels irgendwie generisch. ufotable ist als Animationsstudio zwar durchaus kompetent, allerdings fehlt ihnen ein gewisser, persönlicher Flair. Vielleicht setze ich damit eine zu hohe Messlatte an, aber wenn Studio Ghibli einem Spiel wie Ni No Kuni eine Optik wie aus einem Hayao Miyazaki Film verleihen kann, dann sollte auch ufotable in der Lage sein, einen unikalen Look zu kreieren. Allerdings kommt Tales of Berseria nicht über die Ästhetik eines 08/15-Anime hinaus. Ich möchte nicht die Nostalgiekeule schwingen, aber zu Zeiten von Tales of Symphonia, als Production I.G noch für die Animationen der Reihe verantwortlich war, sah das alles noch ganz anders aus! Nichtsdestotrotz sind die Landschaften und Städte schön gehalten, die Gegner sind einigermaßen interessant gestaltet und die Cutscenes sind wie immer eine Augenweide. Visuell macht Tales of Berseria durchaus Einiges richtig, aber wenn ein Final Fantasy X beispielsweise ein Da Vinci ist, so ist Tales of Berseria nicht mehr als eine gut designte Plakatwand.

Das „Tales of“-Syndrom

Die größte Stärke der „Tales of“-Reihe sind – wie der Name bereits erahnen lässt – die Storylines. All’ die oben aufgezählten Makel können verziehen werden, wenn das Spiel nur eine epische Geschichte erzählen kann. Und auch wenn das Tales of Berseria mehr als nur gut gelingt, leidet es an einer Krankheit, die ich liebevoll das „Tales of“-Syndrom nenne. Die Storylines hinter den Spielen der Reihe sind stets gut aufgebaut, mit interessanten Prämissen und langsam und sorgfältig konstruierten Character-Arcs. Aber das Stichwort hier ist „langsam“. Tales of Berseria kommt wie seine Vorgänger einfach nicht in die Gänge. Zunächst werden alle Figuren nach und nach eingeführt und vorgestellt. Man lernt ihre Charakterzüge kennen, freundet sich mit ihnen an, aber ohne zu viel über ihre Vergangenheit zu erfahren. Und dann, nach einigen Stunden Gameplay geht das Spiel tiefer, erzeugt Konflikte zwischen den Charakteren und offenbart ihre Motivationen und Hintergründe, um dann das große Finale mit einem Knall einzuleiten. Das macht die zweite Hälfte des Spiels zu einem erzählerischen Schmuckstück, aber die erste Hälfte zieht sich teilweise so sehr, dass viele Leute nach den ersten paar Stunden vermutlich die Lust verlieren, weiterzumachen. Der Story kann ich das allerdings nicht ankreiden. Dieses langsame Vorgehen ist das, was die Reihe so unglaublich gut macht. Allerdings bin ich der Meinung, dass es dann die Aufgabe des Gameplays ist, bis dahin für genügend Unterhaltungswert zu sorgen. Und das schafft Tales of Berseria leider nicht so richtig. Allerdings trifft die Erzählweise einen gewissen Nerv und springt munter zwischen skurril humoristisch und bitter ernst hin und her, ohne in die Absurdität abzurutschen. Sie bringt einen zum Lachen, zum Weinen und zum Nachdenken, denn die Charaktere sind wie immer so durchdacht, dass man mit jeder einzelnen Storyline mitfiebern kann.

Fazit:

Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht, wie ich persönlich zu Tales of Berseria stehen soll. Es ist objektiv ein gutes, wenn nicht gar ein sehr gutes Spiel, aber da ist dieses undefinierbare Gefühl, dass irgendetwas nicht richtig ist. Ich kann es nicht einmal richtig benennen, aber obwohl die Geschichte rund um Velvet herzzerreißend ist und mich mitgerissen hat, fühlte sich all’ das irgendwie plastisch an. Es ist wie ein fantastischer Film, den man am nächsten Tag wieder vergessen hat. Wie ein Kunstwerk im Gewand eines unterdurchschnittlichen Anime. Wie soll ich das ausdrücken? Tales of Berseria versteckt seine Finesse und seine Gloria hinter der eigenen Belanglosigkeit. Aber trotz alledem, auch wenn ich den Hype nicht verstehe, der um dieses Spiel entstanden ist, will ich es nicht schlechter reden, als es ist. Was wir haben ist ein tolles RPG, das sich durchaus mit früheren Teilen der Reihe messen, sie aber nicht in den Schatten stellen kann. Fans der alten Spiele kommen voll und ganz auf ihre Kosten und auch für den Einstieg in die Reihe lohnt sich ein Blick in die Rachegeschichte rund um Velvet und Kumpanen auf jeden Fall. Wichtig ist nur: Dranbleiben. Lasst euch von der ersten Hälfte nicht abschrecken. Es wird so viel besser.

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Über Chucky

Chachrist "Chucky" Khongklad schloss sich im Februar 2016 dem IKYG Team an, nachdem seine Mutter ihm sagte, er solle etwas nützliches machen, anstatt die ganze Zeit nur Videospiele zu spielen. In der Hoffnung mit I KNOW YOUR GAME ein Rockstar in der Videospieljournalismus-Branche zu werden, haut er seitdem fleißig für die Website in die Tasten. Hält Chucky jedoch gerade mal kein Gamepad in der Hand, macht er meistens Musik, sammelt unnütze Popkulturtrivia oder nervt seine Freunde mit Kartentricks.

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