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Forgive Me Father – Angespielt im Early Access

von am 1. Dezember 2021
 

Lesezeit: 4 MinutenIch muss euch zu Beginn etwas beichten (pun intended): obwohl ich beim Meckern über die neuen Spiele stets in der ersten Reihe stehe und wütend vor mich hinquatsche, dass vor allem Shooter nicht mehr das sind, was sie mal waren, bin ich doch noch ein paar Jahre zu jung für die Build-Engine Ära. Ich fand das Original Doom unübersichtlich, Wolfenstein 3D auf Dauer öde und Duke Nukem 3D war einfach nur lahm. So, die Beichte musste mal raus, ich fühl mich direkt besser. Ach ja, Blood und das Original Shadow Warrior waren objektiv miese Spiele und die wahre goldene Shooter-Zeit beginnt erst mit Half Life. Okay, mit diesen Hot Takes habe ich es mir mit jedem Leser über 38 Jahren verscherzt, aber damit muss ich wohl leben. Doch warum erzähle ich das überhaupt alles? Forgive Me Father ist der Grund.

… denn sie wissen nicht, was sie tun

Doom (1993) trifft auf Lovecraft, gemixt mit christlichen Themen und einem knüppelharten Schwierigkeitsgrad, garniert mit einem brutal guten Soundtrack. Wenn ich Forgive Me Father in einem Satz zusammenfassen müsste, wäre das dieser. Doch was steckt in dem Early Access-Titel drin?

Ein Throwback der ganz besonderen Klasse. Denn wie mein erster Absatz vermuten lässt, haben sich die Jungs und Mädels vom Indie-Studio Byte Barrel sehr von den Shootern der Mitt-90er Ära beeinflussen lassen und ihre eigene Interpretation im Jahre 2021 rausgebracht. Dabei haben sie (bisher) leider vergessen, eine kohärente Story zu erzählen. Ihr spielt einen Priester mit Gedächtnislücken und einem Hang zum Wahnsinn, welcher sich gegen Horden von übersinnlichen Gegnern – frisch einer Lovecraft-Geschichte entsprungen – behaupten muss. Die Story wird durch Briefe, Schilder und andere Schriften erzählt und kann somit vollkommen links liegen gelassen werden.

Nein, Forgive Me Father versucht wahrlich nicht eine Geschichte über die psychischen Probleme eines alternden Priesters zu erzählen. Der Fokus liegt hier zu 100% auf dem Gameplay und ich habe keinerlei Probleme damit. Die bisher veröffentlichten elf Level (von insgesamt 25 geplanten) spielen sich grundlegend gleich: ihr startet am Punkt A und müsst euch über Punkt B und C hin zu Punkt D schießen, wo manchmal ein Boss wartet.

Die Areale sind meistens durch Schlüssel voneinander getrennt, welche ich finden müsst. Auf dem Weg schießt ihr dabei alles kurz und klein, was sich auf euch zubewegt. Die Krux an der Sache ist, dass sich verdammt viel auf euch bewegt und es keine manuelle Speicherfunktion gibt. Wenn ihr es bis zu einem gewissen Abschnitt im Level schafft, gibt es einen(!) Checkpoint, außerhalb davon, solltet ihr euch darauf einstellen, einige Parts und Gegner mehrfach besuchen zu müssen.

Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein…

Denn Forgive Me Father hat sich eine weitere Eigenschaft der Old Shooter-Generation abgeguckt: es ist elendig schwer! Vor allem zu Beginn ist man nur mit einem Dolch und einer Pistole ausgerüstet, beide Waffen erweisen sich nicht als sehr effektiv. Mit ein wenig Übung kriegt ihr Kopfschüsse hin, die Anfangszombies schnell liquidieren – es sei denn, sie tragen einen zweiten Kopf bei sich, welchen sie nach dem ersten vermeintlich tödlichen Kopfschuss aufsetzen. Später erhaltet ihr weitere Waffen wie die wuchtige Schrotflinte oder die unsagbar ungenaue Maschinenpistole. Doch mit dem Arsenal steigt auch die Gegnervielfalt. Bald begegnen euch widerliche lovecraft-inspirierte Figuren, die plötzlich Projektile auf euch schleudern – wir sind offiziell in der Doom-Fan-Mod angekommen. Was gut und zugleich weniger gut ist.

Segen und Fluch

Denn einerseits ist der Look fantastisch. Die 2,5D Optik von damals wurde perfekt adaptiert und in eine moderne Grafik mit detaillierten Sprites umgewandelt. Die Gegnermodelle sehen todschick aus, die Umgebung ist stimmig und die Schatteneffekte sorgen für den nötigen Grusel- und Stressfaktor.  Andererseits zeigt der Look eines der größten Probleme, die die damaligen Shooter bereits hatten. Da die Gegnermodelle in 2D vor den Spieler auftreten, können diese leicht beim um die Ecke gehen übersehen werden und man nimmt Schaden, bevor man überhaupt die Richtung ausfindig gemacht hat. Das sorgt momentan noch für häufigere Frustmomente, zumal – wie vorhin erwähnt – die Schnellspeicherfunktion (noch) nicht integriert wurde.

Auch haben die Gegner mit Projektilen eine absurde Zielgenauigkeit, während man selbst je nach Waffe sehr ungenau unterwegs ist. Auf dem zweiten von vier Schwierigkeitsgraden erwartet die Spielenden bereits ein sehr knackiges Abenteuer und selbst auf “Einfach” ist Forgive Me Father nicht wirklich einfach.

Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Doch müsst ihr euch nicht komplett auf eure Skills verlassen. Also ja, eigentlich müsst ihr das schon, sonst seid ihr verloren. Doch sammelt ihr mit dem Abschlachten der gottlosen Gestalten Erfahrungspunkte, welche ihr in verschiedene Perks investieren könnt; seien es Waffenupgrades oder Verbesserungen wie eine erhöhte Gesundheit. Das Aufleveln geschieht allerdings sehr langsam und Grinden kann man ebenfalls nicht, da aller Fortschritt mit dem Ableben bis zum letzten Checkpoint verloren geht. Zudem gibt es mit der “Madness Mechanic” ein Tool, welches euren Schaden erhöht, je mehr Gegner ihr nacheinander killt, ohne selbst Schaden zu nehmen. Dies erweist sich ohne das Merken von Gegnerpositionen auf der Map als schier unmöglich beim ersten Lauf. Zudem ist wildes Rumballern eh nicht empfehlenswert, da die Munition absolut nicht auf den Bäumen wächst.

Macht das Ganze trotzdem Spaß?

Aber sowas von! Sobald man eine gewisse Frustresilienz aufgebaut und sich auf den fantastischen Metal-Soundtrack eingegroovt hat, metzelt man sich in bester Priester-vs-Monster-Manier durch die Reihen, verteilt Headshots links und rechts, entwickelt blitzschnelle Reflexe und… stirbt trotzdem, weil man den einen Krakengegner mit seinen Drecksprojektilen übersehen hat. Doch dann lädt man vom letzten Speicherstand und weiß nun, wo sich dieser ekliger Mistkerl befindet und knallt ihn zur Sicherheit als Allerersten ab.

Forgive Me Father bietet Shooter-Freunden der ganz alten Schule eine schöne, brutale Zeitreise, welche zum jetzigen Stand noch einige Baustellen hat und aufgrund der noch nicht komplett veröffentlichten Level nicht sehr lang ausfällt. Doch trotz seines Early-Access-Status spielt es sich bereits erstaunlich rund und macht Lust auf die hoffentlich bald erscheinende Vollversion. Ungeduldige Monsterjäger-Priester dürfen sich aber auch jetzt in den Wahnsinn begeben. Klare Empfehlung von mir!

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