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Hilfe, ich bin ein Late Adopter geworden

von am 10. Juni 2020
 

Lesezeit: 8 MinutenUnser ehemaliger Redakteur Johannes, treuen IKYG-Nutzern besser bekannt als “totoro”, hat dem Thema Videospiele natürlich nie den Rücken gekehrt. Dass er nun noch einmal zu Stift und Papier… pardon… Tastatur und Dokument greift, hat einen ganz bestimmten Grund. Denn sein Spiele-Verhalten hat sich verändert. Er ist ein Late Adopter geworden. Warum das so ist und warum er damit völlig im Reinen ist, beschreibt er in diesem Artikel.

Wir schreiben den 11. Dezember 1998. Es ist Freitag, ich komme gerade mit dem Fahrrad von der Schule und erreiche mein Zuhause fast zeitgleich mit dem Paketboten. Der gelbe Transporter steht vor dem Tor, ich erwische den Boten an der Klingel. Er frägt nach meinem Namen, ich nicke und unterschreibe die Empfangsbestätigung. Die Größe des Päckchens wirkt vertraut, ich grinse über beide Backen, stürze in mein Zimmer und öffne die Sendung. Ein schwarzer Karton mit N64-Logo kommt zum Vorschein, der goldene Schriftzug The Legend of Zelda: Ocarina of Time strahlt mir entgegen. Das Spiel war damals fast überall ausverkauft. Ich konnte gerade noch ein Exemplar ergaunern, nachdem ich fast alle Videospielhändler-Anzeigen aus meiner Nintendo-Zeitschrift abgeklappert hatte. Rückblickend war das einer der glücklichsten und wichtigsten Momente meiner Videospielkarriere. Ich war zur Stunde 0 dabei, als das Action-Adventure-Genre revolutioniert wurde und verbrachte ein Wochenende mit einer Spiele-Legende, von der ich wusste, dass die meisten Kids es erst zwei Wochen später unter dem Tannenbaum in die Finger bekommen würden.

Heute, über 20 Jahre später, spiele ich Fallout 4. Ein Spiel, auf das ich auch extrem Bock hatte. Ein Spiel, das am 15. November 2015 erschienen ist. Ein Spiel, das ich zum Release links liegen gelassen hatte, dann vor zwei Jahren mal angefangen und wieder zur Seite gelegt hatte. Jetzt bin ich wieder im Ödland und liebe es. Dass ich fünf Jahre später, als der Rest der Welt durch die karge, verseuchte Landschaft des Commonwealth ziehe, stört mich kein Stück.

Was ist nur los?

Heute Morgen beim Zähneputzen dachte ich darüber nach. Was ist mit mir und der Welt um mich herum in den letzten 20 Jahren passiert, dass ich überhaupt kein Bedürfnis mehr verspüre, zu Tag 1 ein Spiel auszupacken und einzuwerfen? Die Leidenschaft für das Hobby ist immer noch ungebremst, ein neues Mario, Zelda, Final Fantasy nach wie vor meine Wohlfühloase. Doch die Switch kam erst ein halbes Jahr nach Release ins Haus, logischerweise damit auch The Legend of Zelda: Breath of the Wild. Mario Odyssey kam ebenso mit Verspätung. Und Final Fantasy XV habe ich noch nicht mal angefangen, aber extrem Bock drauf. Shenmue III? Seit 20 Jahren herbeigesehnt, sogar auf Kickstarter mit einem dreistelligem Betrag mitfinanziert… geparkt im Spieleregal. Als ich über die Gründe nachdachte, habe ich schnell gemerkt, dass ich meine Gedanken sortieren und zusammenschreiben möchte. Hier sind sie also, meine für mich persönlich ausschlaggebenden Gründe, warum es für mich mittlerweile absolut Sinn macht, Spiele erst mit einem Jahr Verzug oder sogar noch später anzurühren:

Grund 1: Die meisten Bugs sind behoben & Patches mit Zusatzfeatures aufgespielt

Nehmen wir mal ein relativ aktuelles Beispiel: Days Gone. Zum Release war sich die Fachpresse und Userschaft einig: so macht das Spiel keinen Spaß. Nervige Grafikbugs, Glitches und Abstürze trübten den Spielspaß. Ein Jahr später läuft das Spiel deutlich stabiler und wenn man die User-Meinungen den damaligen Tests gegenüberstellt, wird da aus einer 7er- schnell eine 8er- oder gar 9er-Wertung. Gerade Technik-Updates können ein Spiel extrem aufwerten und man wird nicht ständig von nervigen Zwischenupdates genervt, wenn man eine “finale Version” von Anfang bis Ende durchspielt. In Zeiten von Modulen und CD-ROM gab es übrigens keine Zwischen-Updates, das Spiel war zum Release “fertig”. Eigentlich ganz schön, oder?

Grund 2: Zusatzinhalte sind bereits integriert

Dark Souls ist in meiner persönlichen Top 10 der besten Spiele aller Zeiten. Die Zusatzinhalte habe ich nie gesehen. Warum? Weil ich das Spiel zwar nach Release, aber vor den Zusatzinhalten durchgespielt hatte. Leider sind die zusätzlichen Welten in einen “Durchgang” integriert, so dass man nicht einfach die Zusatzlevel separat spielen kann. Bei einem 80 Stunden-Rollenspiel fehlt mir einfach die Zeit, das gleiche Spiel noch einmal durchzuspielen, nur um noch etwas Extra-Content abzugraben. So ähnlich ging es mir damals mit Mass Effect 3. Ich wollte die Trilogie schnell zu Ende bringen, habe aber auch hier etliche spannende Zusatzinhalte verpasst (inkl. dem “verbesserten Ende”). Und das Spiel nochmal komplett installieren, um DLCs zu spielen? Nervig. Man ist ja froh, wenn man ein Spiel durch hat und endlich von der Platte schmeißen kann. Also kaufe ich lieber irgendwann eine Game of the Year-Edition mit allem Drum und Dran und genieße durchgehend den Director’s Cut.

Grund 3: Schneller Wertverlust

Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal 60 Euro oder mehr für ein Spiel ausgegeben habe. Da müsste ich wohl noch in DMark rechnen. Warum auch? Gefühlt verlieren selbst die großen AAA-Titel monatlich zehn Euro an Wert. Spätestens nach einem halben Jahr dümpelt jedes Spiel irgendwo zwischen 20-30 Euro bei rebuy & Konsorten rum oder landet für einen 10er auf dem Grabbeltisch beim Blödmarkt. Da selbst Großmärkte gerne mal ihre überschüssigen Lagerbestände auf eBay loswerden wollen, gibt es ständig gute Angebote und wer etwas geduldig ist, spart je Spiel mindestens die Hälfte vom ursprünglichen Wert zum Release.

Grund 4: Zum Release nicht in der “richtigen Stimmung”

Nehmen wir mal mein Beispiel aus der Einleitung, Fallout 4. Das ist ein Spiel, von dem wir alle wissen: es zerstört dein soziales Umfeld. Ist so. 400 Stunden ungeduschtes Gammeln auf der Couch sind vorprogrammiert. Zum Release war ich frisch verheiratet, stand kurz vor einem Hauskauf und hatte eine neue Stelle angefangen. Denkbar schlechte Umstände, um in so ein Monster von Spiel Energie zu investieren. Heute, in Zeiten von Corona und Social Distancing: Ödland Olé! Manche Spiele sind eben wie guter Wein, den man nur für besondere Gelegenheiten aus dem Keller holt und ihn dann in vollen Zügen genießen kann.

Grund 5: Der fehlende Schulhof

Früher habe ich mich jeden Tag unter meinen gleichgesinnten Nerd-Kumpels ausgetauscht. Wer hatte welche Konsole, wer hatte welches Spiel durchgezockt (damit man schnell tauschen konnte *zwinker*), wie gut waren die Spiele aus persönlicher Sicht? Heute habe ich ein Arbeitsumfeld mit “Normalsterblichen”. Da geht es um gepflegte Vorgärten, Urlaubsziele oder Ausflüge am Wochenende. Meine Nerd-Kontakte wohnen mittlerweile aus beruflichen bzw. familiären Gründen verstreut in der Republik. Bei wem soll man bitteschön im Arbeitsalltag prahlen, wenn man sich die neueste VR-Sensation am letzten Wochenende reingeballert hat?

Grund 6: Exklusivität wird evtl. aufgehoben

PlayStation-exklusiv? Na toll. Da muss ich wieder den DualShock in die Hand nehmen und die Konsole anschließen. Nix mit Xbox-Controller und vorm Schlafengehen am Laptop im Bett zocken. Und mit der Grafikpower der Sony-Hardware muss ich auch vorlieb nehmen und lange Ladezeiten ertragen. Gerade als Anhänger der “PC Master Race” ärgert man sich, wenn Toptitel nur für Konsole erscheinen. Aber auch das muss ja nicht ewig so bleiben. Valkyria Chronicles, Yakuza oder Red Dead Redemption 2 erschienen glücklicherweise mit mal mehr, mal weniger Verspätung auch für aktuellere Plattformen oder den PC. So kann ich mir mit etwas Geduld meine Lieblingsplattform (mitsamt Lieblingscontroller) aussuchen und kann manche Spiele dank Switch-Port irgendwann sogar unterwegs zocken. Im Fall von Okami bin ich sogar der Meinung, dass sich das Spiel für mich auf der Switch dank Touchscreen am allerbesten spielen lässt.

Grund 7: Mehr Schwarmintelligenz vorhanden

Als ich damals Dark Souls 2 für IKYG getestet hatte, fiel es mir extrem auf: kaum ein Mensch hatte die Geheimnisse dieser Welt erforscht und konnte mir wichtige Überlebenstipps mitgeben. Wenn ich in einem Spiel feststecke und ein blödes Rätsel nicht lösen kann, bin ich schnell demotiviert. Je länger das Spiel schon auf dem Markt ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich irgendeine arme Seele auf der Welt in einem Hilfsforum angemeldet und die gleichen Probleme angefragt hat. Gerade Sammel-Quatsch schlage ich gerne mal nach, da sich das mehr wie Arbeit als nach Spaß anfühlt. Optisch und strukturell schön aufgearbeitete Lösungen gibt es auch nicht immer zum Release im Netz.

Grund 8: Ich arbeite nicht mehr als Videospieljournalist

OK, das Problem werden die Wenigsten haben. Aber logischerweise bekommt man als Redakteur immer (*hüstel*) vor Release ein Testmuster und hat dafür das Privileg, ein Spiel sehr früh durchzurocken. Mich persönlich hat das allerdings mehr gestresst, als dass es Spaß gebracht hat. Siehe Grund 4 – manchmal passt ein bestimmtes Spiel einfach nicht zeitlich zur Stimmung und man wird beim Review dem Spiel nicht immer gerecht.

Grund 9: Wir hatten ja früher nix!

Es gab noch kein oder nur schlechtes Internet, Bewegtbild zu Spielen gab es nicht. Alles, was ich an Infos zu Videospielen hatte, waren Artikel in Videospielzeitschriften und die dazugehörigen Screenshots. Die Redakteure wussten schon damals mit mehrseitigen Preview-Artikeln, Hype zu generieren. Stundenlang durchblätterte ich alle Zeitschriften nach Screenshots über DAS eine Spiel, welches ich unbedingt haben wollte. Die etlichen Samstage, an denen ich unruhig auf unser Hoftor schielte, um ja nicht den Paketboten zu verpassen, kann ich kaum aufzählen. Die Welt um uns herum hat sich geändert. Videospiele purzeln uns permanent auf den Bildschirmen entgegen, die einzelnen Stores werden täglich überflutet mit Spielen und Angeboten, so dass man sich kaum noch retten kann. Warum soll ich mich monatelang auf ein Spiel freuen, wenn es doch mittlerweile so viele fantastische Titel gibt, um sich die Zeit zu vertreiben?

Grund 10: Was lange währt

Frisch zum Release stürzt sich die Fachpresse auf das Spiel. Jeder will der Erste, der Lauteste, der Extremste sein. Von Superlativen ist die Rede: Bestes Spiel, schönste Grafik, packendste Story oder schlechteste Steuerung, blödeste KI, unnötigster Multiplayer… Alle schreien so laut, dass mir die Ohren bluten. Ich möchte doch nur wissen, ob das Spiel was für mich ist. Mit einigen Jahren Distanz merke ich, dass ich deutlich unbefangener in ein Spiel eintauche, wenn nicht ständig darüber berichtet wird. Wenn ein Spiel richtig, richtig gut ist, wird auch noch Jahre später darüber berichtet. Umgekehrt ist ein Kritikeropfer vielleicht von der überwiegenden Mehrzahl der User im Langzeittest gut bewertet worden. Natürliche Auslese. Ein ähnlicher Prozess findet übrigens auch bei Filmen statt. Ein “okayer” oder “nur guter” Film wird schnell mal mit einer “bester Film des Jahres”-Wertung versehen. Was man dabei nicht sieht, ist, dass der bewertende Zuschauer vielleicht gar kein Film-Enthusiast ist, sondern nur ein oder zwei Mal im Jahr ins Kino geht. Aus IMDB-Ratings lässt sich daher erst Jahre später eine aussagekräftige Wertung ablesen, die immer noch nicht dem persönlichen Geschmack entsprechen muss.

Grund 11: Von Remastern und VR-Editionen

Unverhofft kommt oft. Da gab es diesen PS1-Klassiker namens MediEvil, den man ja unbedingt gespielt haben muss. Das Spiel gefiel mir schon damals nicht so richtig, neugierig war ich aber trotzdem. Über 20 Jahre später wird aus dem Nichts ein Remaster für PlayStation 4 angekündigt. Es war für mich die willkommene Gelegenheit, diesen Klassiker endlich nachzuholen. Und nein, es gefiel mir auch heute nicht. Aber zumindest war es optisch ansprechend, denn auf der uralten Sony-Mottenkiste hätte ich das Spiel nie und nimmer mehr in diesem Leben angefasst. Dann gibt es noch die Re-Releases in VR wie z.B. bei Skyrim oder Fallout 4. Für mich persönlich zwar mangels Hardware nicht spannend, aber auf jeden Fall cool, dass ich die Titel auch in VR zocken KÖNNTE.

Grund 12: Nachfolger-Verwässerung

Als das Erste Assassin’s Creed damals rauskam, hatte ich extrem Bock darauf. Ehrlich. Dann kam der zweite Teil. Und noch ein zweiter Teil (?). Und NOCH ein zweiter Teil (???). Teile dazwischen auf unterschiedlichen Plattformen. Teile gleichzeitig. Und so weiter. Ich hatte bis dahin noch keinen Teil angerührt und durch die jährlichen Updates schnell die Motivation verloren, diese Serie überhaupt anzufangen. So spannend die neuen Ableger auch aussehen, werde ich der Serie kaum gerecht, wenn ich zig Teile einfach überspringe. Also warte ich lieber ab, wann der Spuk ein Ende hat. Das ist ein wenig wie mit Serien. Wenn ich schon weiß, dass es mehr als zwei Staffeln werden, wird die Einstiegshürde mit jeder weiteren Staffel immer höher gestellt. Genau deswegen hasse ich übrigens Marvel-Filme. Wer schaut denn bitteschön 30 Filme hintereinander weg (was nötig ist, um zu raffen was los ist), ohne etwas Anderes zu sehen?

Grund 13: Kommt Zeit, kommt bessere Hardware

Ob PlayStation 4 Pro, Xbox One X oder High-End-PC mitsamt neuer VR-Technik: je länger ich mir Zeit lasse, ein Spiel anzufangen, desto hübscher wird es von meiner verwendeten Hardware widergegeben. Die “normale” PlayStation 4 hatte ich übersprungen und bin direkt mit der Pro eingestiegen. So konnte ich alle Exklusivtitel in einer höheren Framerate oder besseren Grafik erleben. Auf meinem PC hole ich gerne mal alte Klassiker nach und freue mich über höhere Auflösungen, höhere Bildfrequenzen und zackige Ladezeiten über SSD.

Grund 14: Erwachsen sein ist doof

Seien wir mal ehrlich: Wer im Berufsleben steht, hat weniger Zeit zum Zocken. Und Hotel Mama samt Zimmerservice ist auch längst den eigenen vier Wänden gewichen, die gepflegt werden wollen und Zeit fressen. Da kann man einfach nicht mehr ohne Weiteres seine Familie bzw. Freunde am Wochenende versetzen, weil das neue Dragon Quest erschienen ist. Wobei, in Japan kann ich mir das noch gut vorstellen.

Grund 15: Die fehlenden Meilensteine

Ich schließe noch einmal den Bogen zurück zu meiner Einleitung. The Legend of Zelda: Ocarina of Time war ein Meilenstein der Videospiel-Geschichte. Könnt ihr euch zurückerinnern, wann ihr das letzte Mal dieses “Spiel für die Ewigkeit”-Gefühl hattet? Eben, das ist echt schon verdammt lange her. Selbst ein Mario oder Zelda setzt auf alte Tugenden auf oder bedient sich bei anderen Genre-Vertretern. Diese allesverändernden Spieleperlen, die man so schnell wie möglich zocken möchte, sind mittlerweile sehr rar geworden.

Das Schlusswort

Das sind sie also, meine 15 Gründe, warum ich mittlerweile nur noch die Szene aufmerksam beobachte, mich aber nicht mehr mitreißen lasse und nicht mehr vorbestelle. Versteht mich nicht falsch: aus Entwickler-Sicht sind Typen wie ich eine Vollkatastrophe, das ist mir schon klar. Schließlich wollen die Jungs auch nur Geld verdienen, das geht über Late Adopters eher schlecht. Ich habe aber das Gefühl, dass wir eben genau aus diesem Grund vermehrt überarbeitete Versionen alter Spiele bekommen. Der Markt reagiert auf alte Socken wie mich, daher sind wir am Ende wohl alle bedient und können uns aussuchen, was uns eigentlich wichtig ist. In welchem Team spielt ihr? Team Early Adopter oder Team Definitive Edition?

Ab in die Comments mit euch, husch husch!

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