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Hat Microsoft ein Problem mit Exklusivtiteln?

von am 15. Februar 2018
 

Lesezeit: 6 Minuten“Microsoft will Electronic Arts kaufen!” Mit dieser Schlagzeile wurde in den letzten Wochen viel Wind gemacht. Und auch jede Menge Geld. Im Zusammenhang mit dem ganzen Thema drängen sich so viele Fragen auf, dass einem schwindelig werden könnte: Ist da was Wahres dran? Wäre das die Rettung für Microsoft und seine Xbox? Wird es FIFA dann nur noch für Microsoft-Konsolen geben? Mir drängte sich vor allem die Frage auf, ob es wirklich stimmt, dass Microsoft ein Problem mit fehlenden Eigenmarken und Exklusivtiteln hat. Wieviele Studios produzieren eigentlich ausschließlich für die sogenannten “platform holder” Sony, Nintendo und Microsoft?

Was sind eigentlich First, Second und Third Party?

Nur für den Fall, dass die Begrifflichkeiten unklar sind, hier noch mal eine Erklärung der Begriffe, um das Folgende besser einsortieren zu können. Zäumen wir das Pferd von hinten auf und vereinfachen das Ganze.

Eine Third Party ist das klassische Entwicklerstudio, das für mehrere Plattformen Spiele produziert, unabhängig oder zu einem Publisher (zum Beispiel Electronic Arts) gehörend, der kein “platform holder” ist.

Eine Second Party… Das ist schon etwas komplizierter, denn der Begriff ist nicht in Stein gemeißelt. Aber um es einfach zu halten: Ein Second Party-Entwickler ist vertraglich oder lizenzrechtlich an einen “platform holder” gebunden, gehört aber nicht zu ihm. Da es sich bei Second Party-Games, um exklusive Auftragsarbeiten handelt, sind die Risiken für die entsprechenden Studios hoch. Die Investitionen und finanziellen Zuwendungen seitens des Auftraggebers (Sony, Nintendo oder Microsoft) polstern das Risiko ab und sichern auf der Gegenseite einen Exklusiv-Titel. Second Party-Games können Eigenentwicklungen der Studios sein oder auf einer bekannten IP des entsprechenden Hardwareherstellers basieren. Bekannte Beispiele für Second Party-Entwickler sind: Insomniac Games (auf Seiten von Sony) und Game Freak (auf Seiten von Nintendo).

First Party. Der klassische Fall von “Inhouse”-Studio. Sie wurden als eigenständige Firmen aber eben von einem der “platform holder” gegründet oder wurden von ihnen übernommen. Auf Seiten von Nintendo wären da unter anderem Nintendo EPD, Monolith Soft oder HAL Laboratory. Sony kann unter anderem Naughty Dog, Guerrilla Games und SIE Japan Studio ins Feld führen. Und Microsoft hat mit Turn 10 Studios, Rare und 343 Industries auch einige Trümpfe im Ärmel.

Aber genau im letzten Punkt, den First Parties, hat Microsoft ein Problem, dass Nintendo und Sony nicht teilen: Es fehlen – neben den eigenen exklusiven Marken – vor allem die Studios. Eine simple Statistik macht dies’ sehr deutlich.

Microsoft Nintendo Sony
343 Industries 1-UP Studio Guerrilla Games
Launchworks Creatures Media Molecule
Mojang HAL Laboratory Naughty Dog
Rare Intelligent Systems Polyphony Digital
The Coalition Monolith Soft San Mateo Studio
Turn 10 Studios Nd Cube SIE Bend Studio
Nintendo EPD SIE Foster City Studio
Nintendo Software Technology SIE Japan Studio
Retro Studios SIE San Diego Studio
SIE Santa Monica Studio
SIEE London Studio
SIEE Manchester Studio
Sucker Punch Productions
XDEV

Masse produziert nicht gleich Klasse. Mehr hauseigene Studios zu haben, bedeutet natürlich nicht, dass mehr – oder sogar mehr gute – Spiele in den eigenen Reihen produziert werden. Aber es erhöht zweifellos die Chancen. So viel ist schon mal sicher. Die soeben aufgeführten Studios sind natürlich ein sehr vereinfachter Blick auf die Dinge, denn das Aufzählen von Studios sagt freilich noch nichts über die Anzahl der Beschäftigten in den einzelnen Studios aus. Nintendo EPD beispielsweise beschäftigt in elf Produktions-Gruppen rund 800 Mitarbeiter. Seit der Zusammenlegung von Nintendo EAD und Nintendo SPD im Jahr 2015 hat Nintendo EPD an der erstaunlichen Zahl von 19 Spielen mitgearbeitet. Dass nicht jedes dieses First Party-Studios mit einer solchen Anzahl von Mitarbeitern und einem solchen Portfolio aufwarten kann, dürfte klar sein.

Wie gesagt: alles hier Erwähnte ist vereinfacht dargestellt. Die Grenzen zwischen First und Second Party sind je nachdem, wen man fragt und wo man sucht, sehr schwammig.

Aber es zeigt auch: Microsoft hat ein Problem. Denn zu den sechs verbliebenen hauseigenen Studios gehörten früher auch die inzwischen geschlossenen Studios Digital Anvil, Ensemble und Lionhead, sowie die verkauften Studios Indie Built und Bungie. An letzterem ist Microsoft nach wie vor beteiligt, was mitunter an der Halo-Lizenz liegt, allerdings operiert Bungie wieder selbstständig, auch wenn es einen Exklusiv-Deal mit Activision für die Destiny-Reihe hat.

Eigenmarken und Exklusivtitel

Und hier wird auch schon das eigentliche Problem der Microsoft Game Studios deutlich. Nintendo und Sony IE sind eine ganze Weile länger im Videospiel-Geschäft. Um genau zu sein: Nintendo seit den frühen 1970er-Jahren und Sony IE seit den frühen 1990er-Jahren. Microsoft ist der Jüngste im Bunde und startete mit einem wichtigen Malus ins Geschäft: der überaus wichtige japanische Markt mochte die Konsole aus Redmond nicht. Dementsprechend schwer taten sich die Microsoft-Recken mit ihrer Hardware dort. Das galt für alle drei bisherigen Generationen der Xbox.

Denkt man an Nintendo und die gerade veröffentlichte Switch, die der Xbox One gerade ordentlich Paroli im weltweiten Markt bietet, denkt man automatisch an The Legend of Zelda, Mario, Mario Kart, Mario Party, Metroid Prime 4, Kirby, Donkey Kong, Pokemon, Animal Crossing, Star Fox und Vieles mehr. Allesamt Exklusiv-Titel, die eben auch die Hardware verkaufen.

Bei Sony sieht es mit Jak & Daxter, der Uncharted-Reihe, LittleBigPlanet, Wipeout, Gran Turismo und The Last of Us ähnlich prominent aus. Als nächstes wird Kratos in God of War sein PS4-Debüt geben und mit Sicherheit die treue Fanbase der PlayStation 4 vergrößern.

Und Microsoft? Tut sich schwer, das eigene Markenerbe zu verwalten. Crackdown, Halo, Gears of War, Forza Motorsport und Forza Horizon. Vielleicht noch die ruhende Alan Wake-Marke und Versuche wie ReCore, Quantum Break und Sea of Thieves, um neue IPs zu installieren. Und sonst? Die Fable-Marke, einst Rollenspiel-Galleons-Figur der Xbox-Flotte ruht nach dem Aus von Lionhead, auch wenn scheinbar an einem neuen Ableger der Reihe gearbeitet wird. Andere vielversprechende Projekt wurden auf Eis gelegt oder es ist auffällig still um sie geworden.

Während man Nintendo immer vorwarf, dass die Hardware nur die Exklusiv-Titel gut verkaufe, muss sich Microsoft derzeit vor allem den Vorwurf gefallen lassen, das genaue Gegenteil als Problem zu haben. Gute Verkäufe bei Multiplattform-Titeln allein können eine Konsole nicht retten. Und wie ein Uhrwerk jedes Jahr einen Forza-Titel auf den Markt zu werfen reicht eben auch nicht als Grund für einen Konsolen-Kauf aus. Der Xbox One kommt ihr Online-Angebot und die nachträgliche Abwärtskompatibilität zu Gute, kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass der Konkurrenz ein größeres Exklusiv-Marken-Portfolio zur Verfügung steht.

Wäre Electronic Arts also die Rettung?

Würde sich Microsoft einen Publisher wie Electronic Arts einverleiben, was sich der Redmonder Konzern mit einer geschätzten Kriegskasse von 130 Millarden US-Dollar zweifellos leisten könnte, würde zwar das Portfolio der Microsoft Game Studios ordentlich aufgewertet werden, doch würde das kaum eine Veränderung an der Exklusiv-Titel-Front bedeuten. Die vielen wichtigen Sportlizenzen, die Electronic Arts (derzeit mit etwa 35 Millarden US-Dollar bewertet) im Rucksack dabei hätte, sind kompliziert verhandelt und wahnsinnig teuer. Aus diesem Grund werden die Spiele auch auf so vielen Plattformen verkauft. Eine Marke wie die FIFA-Reihe zu einem Xbox-Exklusiv-Titel zu machen, um darüber eine neue Marktdominanz zu generieren, wäre nicht nur ein verdammt teures Unterfangen, sondern wäre vermutlich ein lizenzrechtlicher Albtraum. Darüber hinaus hätte es sicherlich keinen sehr guten Publicity-Effekt und wäre neuer Treibstoff für die “Console-Wars”-Krieger.

Was sollte dann der ganze Budenzauber?

Mit Bekanntwerden der Spekulationen – losgetreten von Analysten und Branchenkennern – sprang der Kurs der EA-Aktie von 94,53 Euro (am 30. Januar) auf 102,27 Euro (am 31. Januar). Ein Schelm wer nun Böses dabei denkt. Große Übernahmen sind in der Games-Branche durchaus keine Seltenheit. Man bedenke nur die Bemühungen Vivendis die Mehrheit an Ubisoft zu übernehmen. Oder wie wäre es mit der Übernahme des Bejeweled-Studios PopCap seinerzeit durch Electronic Arts? Oder dem Kauf von Mohjangg durch Microsoft? Electronic Arts selbst hatte sich zum Beispiel 2008 bemüht Take 2 Interactive zu schlucken, war aber am Widerstand des Vorstandes und dann dem der Aktionäre gescheitert. Übernahmen hat es zu jeder Zeit und in jeder Größenordnung gegeben. Aber zweifellos wäre Microsoft besser damit beraten, mehrere unabhängige Studios zu kaufen, als einen Publisher mit AAA-Rang.

Der doppelte “platform holder”-Effekt

Mit der Xbox One und den Online-Services hat Microsoft für sich selbst entdeckt, dass sie eigentlich doppelter “platform holder” sind und Xbox-exklusive Marken teilweise auch auf den PC portiert. Denn mit dem Betriebssystem Windows 10 wurden viele neue Möglichkeiten geschaffen. Das fängt beim gemeinsamen Microsoft-Account an und geht neuerdings stark in die Richtung des Cross-Platform-Gaming. PCler und Xbox-Zocker können zusammen spielen! Eine grandiose Idee. Wie gut das funktioniert wird vor allem ein Titel wie PUBG in naher Zukunft zeigen können. Die eigenen Marken auch für die PC-Zocker-Riege spielbar zu machen könnte sich als eine verdammt mächtige Idee entwickeln, jedoch muss auch hier noch eine Menge getan werden, um die Spieler davon zu überzeugen, dass dies ein unschlagbarer Vorteil der Xbox One ist.

Das Fazit

Das Know-How und die Manpower neue exklusive Marken für die Xbox-Flotte zu entwickeln und zu produzieren muss man sich aufbauen. Oder dazu kaufen. Und das möglichst schnell. Denn eine erfolgreiche exklusive Marke braucht ihre Zeit. Und die rennt der Xbox One gerade davon. Jeder Studio-Kauf hätte frühestens Auswirkungen auf das Portfolio im Jahr 2019, realistischer gesehen erst auf das des Jahres 2020. Zwar hat der Konzern aus Redmond seinem aktuellen Flagschiff mit der Xbox One X gerade noch ein wenig Zeit bis zum Generationen-Wechsel verschafft, aber die Schlacht um die installierte Hardware-Basis ist bereits jetzt verloren. 73 Millionen verkaufte PS4 stehen da 36 Millionen verkauften Xbox One gegenüber. Und auf Platz drei kommt bereits die Nintendo Switch mit 14 Millionen verkauften Geräten – wohlgemerkt innerhalb von elf Monaten – angerauscht.

Was auch immer Microsoft in naher Zukunft tut, es wird den eingeschlagenen Kurs der Xbox One nicht mehr maßgeblich beeinflussen. Das darf man auch nicht falsch verstehen. Für die Xbox One ist aber längst nicht alles verloren. Mit kommenden Exklusiv-Titeln wie Sea of Thieves, State of Decay 2 und Crackdown 3, sowie dem einen oder anderen Forza-Titel wird die eigene Kundschaft sicherlich zufrieden gestellt werden. Aber im Hinblick auf eine “Zeit nach der Xbox One” muss Microsoft dringend auf Shopping-Tour gehen.

Interessante Studios und Projekte gibt es da draußen jede Menge. Und wenn man schon 130 Millarden auf der sprichwörtlichen hohen Kante hat, könnte man auch gleich der Maxime folgen: “Think Big!” Der Marktwert von Sony IE und Nintendo liegt derzeit bei jeweils ungefähr 49 Millarden US-Dollar.

Nur ein kleiner Scherz.
Oder doch nicht?
Ich muss kurz mal mit Michael Pachter reden.
NACHDEM ich Aktien von Beiden gekauft habe.

Kommentare
 
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    MonkeyHead
    15. Februar 2018 at 17:47

    Abseits von marktgeschacher und Aktienkursen, geht es mir als Konsument ja nur um eine Frage. Warum sollte ich mir diese Konsole kaufen? Und da gibt es generell zwei Aspekte, neben eigenen Vorlieben, die da wichtig sind. Zum einen worauf zocken meine Freunde? Zum anderen welche Exlusivtitel gibt es?

    Zu Zeiten der 360 und er PS3 war Microsoft vorne. Sie war zu Beginn günstiger, das ganze Online-Paket funktionierte besser und sie war früher zu haben. Das der japanische Markt nicht gewonnen werden konnte, war dabei vielleicht nur zweitrangig. Und Sony konnte dann auch mit Exklusivtiteln nur noch Anschluss halten. Was aber meines Erachtens sich bei der PS4 ausgezahlt hat. Natürlich spielte die Vorstellung der XBox One Sony auch in die Hände, weil sie einfach nur die Empörung der Gamerschaft aufnehmen musste. So war Sony schon von Anfang an im Vorteil. Sie konnten mit Plattformübergreifenden Titeln punkten, mit neuen Exklusivtiteln und Portierungen von PS3-Titeln wie TLOU.
    Microsoft brachte dagegen More of the Same. Halo 4 und 5 hat keinen mehr vom Hocker gehauen und die Forza-Serie ist zwar eine allgemein als sehr gut anerkannte Rennspielserie, aber eben auch kein Systemseller mehr. Stattdessen werden Titel wie Crackdown 3 immer wieder verschoben und ein Titel wie Scalebound wird komplett gestrichen. Was bleibt dann am Ende noch groß übrig? Und sind Titel wie Sea of Thieves dazu angetan für den Push zu sorgen eine Konsole zu verkaufen.


  • Mykel Jay
    15. Februar 2018 at 18:26

    Ist ein nicht unwichtiger Punkt: Worauf spielen meine Freunde?
    Und hier muss ich Dir tatsächlich zustimmen:
    7. Generation: mehr Xbox 360 als PS3
    8. Generation: mehr PS4 als Xbox One


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