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Wer ist hier das Kind? – My Tamagotchi Forever

von am 12. April 2018
 

Lesezeit: 3 MinutenJa, Tamagotchis waren für mich damals der heiße Scheiß. Barbie-Puppen oder Baby Borns (und erst jetzt, wo ich der englischen Sprache mächtig bin, fällt mir die Bedeutung dieses Namens wie Schuppen von den Augen) hatten damals absolut keinen Reiz, aber wenn eine Prise Technik mit ins Spiel kam, da waren auch meine (virtuellen) Muttergefühle im jungen Alter getriggert. Aber vielleicht war es auch die zusätzliche Komponente, die das Aufseher-Spiel noch komplexer machten: hier hatte mein Handeln wirklich Konsequenzen. Kümmere ich mich nicht um mein Tamagotchi, dann wird es krank. Oder im schlimmsten Fall: hässlich! (Wir wollten doch immer nur die schönen Entwicklungen haben…) Nicht viel später wünschte ich mir auch einen Furby und bin unglaublich froh, dass dieser unerfüllt blieb. Als ich das Ding dann doch mal bei meinem Kindheitsfreund hab stehen und reagieren sehen, fand ich es nur noch creepy.

My Tamagotchi Forever

Mein Herz schlug kurz schneller, als ich den Ankündigungs-Tweet sah: Tamagotchis sind zurück – auf dem Handy! Naiv erwartete ich genau das gleiche Konzept wie vor 20 Jahren und lud mir die App My Tamagotchi Forever auf’s Smartphone. Es fing ganz nett an. Erstmal musste ich ein Ei ausbrüten und schon hüpft das 3D-Modell des damals pixeligen 2D-Tamagotchi-Wesens auf dem Bildschirm herum und bringt mir die App näher. Ich muss mein virtuelles Haustier regelmäßig füttern (dafür stehen diverse Mahlzeiten zur Auswahl). Dann muss es rechtzeitig auf’s Klo gesetzt werden – sonst muss ich nachher die Häufchen wegräumen. Ich muss es ins Bett begleiten, damit es schläft und wieder voller Energie ist. Energie für Minispiele!

Wie bei Die Sims gab es beim Tamagotchi auch immer die Spaß-Anzeige, das Wesen will unterhalten werden. Dafür gibt es verschiedene Minispiele, die man etwa drei- viermal hintereinander spielen kann, bevor der kleine Blob (was sind die Dinger überhaupt, Aliens? Früher wurden sie immer mit einem Ufo abgeholt, hat man sie gut herangezogen…) müde wird und quängelt. Zur Auswahl stehen sechs verschiedene Minigames. Drei davon sind die implementierten Minispiele direkt in der App. Auch direkt spielbar ist das AR-Versteckspiel. Schlau genug war Bandai, dass sich auch die Mobile Games der anderen IPs hier anwählen lassen, so stehen zur Unterhaltung meines Tamagotchies noch Galaga Wars und Amazing Katamari Damacy zur Auswahl (die ich mir erst aus dem App-Store runterladen müsste).

Tausche Nostalgie gegen Werbung und Mikrotransaktionen

Natürlich gibt es heutzutage neben dem simplen Großziehen auch weitere Features. Zusammen mit meinem Tamagotchi kann ich Tamatown besuchen. Hier passiert ehrlich gesagt nicht viel, aber immerhin verlassen wir mal das Haus. Die Erfolge gestalten sich so, dass man möglichst jede Seite des Familienfotobuchs mit Fotos füllt. Dafür braucht es das richtige Tamagotchi und die richtigen Requisiten, die in Tamatown aufgestellt werden können. Diese Requisiten kaufe ich mit Münzen, der digitalen Ingame-Währung. Münzen erhalte ich für das Spielen der Minigames, je nachdem wie gut ich mich anstelle. Ein kurzer Einblick: ich habe etwa vier Wochen bisher mit My Tamagotchi Forever verbracht, mal mehr, mal weniger intensiv, aber regelmäßig. Mittlerweile habe ich bereits Level 16 erreicht. Und habe mir… zwei Requisiten leisten können. Die Günstigsten. Die Preise staffeln sich und werden immer ausladender. Die Anzahl der Münzen, die ich erhalte, erhöht sich jedoch nicht. Zum Glück kann ich meine Münzen am Ende eines Minispiels verdoppeln, wenn ich mir “nur diesen einen Werbeclip anschaue”! Als hätten sie es geahnt.

Na gut, ich kann mir die Werbung freiwillig angucken, wenn ich meine Münzen verdoppeln will. Das ist ja an sich ein verkraftbarer Anreiz. Ich kann es aber auch einfach sein lassen. Nun ja, wäre da nicht die Popup-Werbung, die ohnehin immer wieder aufspringt und abläuft. Vorhin schrieb ich, dass ich mal mehr, mal weniger intensiv gespielt habe. In den Momenten, wo mich die viele Werbung nur noch angek**** hat, war es weniger. Surprise. Nun ja, die weiteren Requisiten, um mein Familienalbum zu füllen, kann ich mir wohl noch ein paar Wochen lang nicht leisten. Halt, stop! Ich könnte sie statt mit den Münzen doch auch einfach mit den Gems kaufen! Kein ordentliches Mobile-Game ohne Mikrotransaktionen und Währungsumtausch. 20 Stück für nur 2,29€. Für die nächste Requisite, die mir fehlt, bräuchte ich 129 Diamanten. Also am besten im Store die 150 Diamanten für 8,98€ holen. In meiner bisherigen 16-leveligen Karriere habe ich auf “natürlichem” Weg schon 34 Diamanten angesammelt. Als Belohnungen für Level-Ups.

Denkt doch mal einer an die Kinder!

Irgendwann hatte ich genug von der App. Überall Werbung und Mikrotransaktionen, um möglichst schnell (und nicht erst in fünf Monaten) das nächste Ziel zu erreichen. Wer setzt sein Kind bitte all’ diesen Verlockungen aus? Schnell mit Mamas Konto 4000 Diamanten für “nur” 109,99€ kaufen, die halten sicherlich was länger. Während das Hirn von der vielen Werbung bräsig gebraten wird. Früher, früher war das nicht so. Da war das Wachstum meines Tamagotchis nicht von irgendwelchen Werbeclips oder Diamanten abhängig. Früher. Vor 20 Jahren. Als ich ein Kind war. Gibt es klassische Tamagotchis heute überhaupt noch? Kennen Kinder heute Tamagotchis? Langsam sah ich ein, dass Spiele wie My Tamagotchi Forever wohl kein junges Publikum ansprechen wollen, sondern uns. Uns Kinder aus den 90ern. Die wir heute unser eigenes Geld investieren. Und ein paar Euros für ein ohnehin an sich kostenloses Mobile Game kann man auch mal springen lassen. Nur ein bisschen. Um mal zu sehen, wie es so ist. Um mir nur die eine Requisite holen zu können. Für den nächsten Erfolg. Danach höre ich auf.

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