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Atari Firmengeschichte Teil 4

Atari – Die Firmengeschichte – Teil 4

Willkommen im Jahr 1993!
Die Atari-Story ist in ihrem 21. Jahr angekommen.

Zur Erinnerung – oder für all jene, die jetzt erst dazustoßen – hier noch einmal die Gelegenheit die ersten drei Teile unseres Firmenrückblicks zum nachlesen:

Atari – 37 Jahre Gaming – Teil I (1972-1977)
Atari – 37 Jahre Gaming – Teil II (1977-1986)
Atari – 37 Jahre Gaming – Teil III (1987-1992)

1990 hatte Atari begonnen die Ressourcen von der Heimcomputer-Branche abzuziehen und in die Entwicklung des Atari 7800-Nachfolgers Panther umzuleiten. Sega hatte 1988 mit dem Mega Drive und Nintendo 1990 mit dem Super Nintendo Entertainment System bewiesen, dass 16-Bit Technologie auch in Konsolen kommerziell erfolgreich sein konnte.

Nach dem Flop des Atari Lynx 1989 und der Flut der Intel-PCs musste Atari Mut zur Lücke haben, wenn es die aufkeimende Firmenkrise überstehen wollte.
Die Keimzelle dieser neuen Richtung war das Entwicklungsteam, welches an einer geheimen 32-Bit-Konsole mit dem Namen Panther arbeitete. Wohn- und Kinderzimmer der Welt hatten gerade erst den Schritt in die 16-Bit-Ära hinter sich gebracht, da war der Vorstoß von Atari schon ganz schön forsch.
Doch Panther sollte nie die Serienreife erreichen. Denn 1991 wurde das Team von der Realität eingeholt: dem Haus-internen Konkurrenz-Team, das an der Jaguar-Konsole arbeitete.
Aus zwei mach eins: der Panther wurde eingeschläfert und Teile seiner Technik – vor allem das Gamepad und Design-Elemente – wurden dem Atari Jaguar eingepflanzt.

Das Schicksaljahr 1993 beginnt!

In jenem Jahr meldet sich Atari mit dem Jaguar im Heimkonsolen-Markt zurück. Nach dem erfolglosen Atari 7800 steht mit dem Jaguar eine technische Kuriosität mit erstaunlicher Power in den Startlöchern.
Von IBM gebaut und basierend auf dem Multiprozessor-Konzept der englischen Tüftler Martin Brennan und John Mathieson kommt der Jaguar pünktlich zum Ende der 16-Bit-Ära daher.

Die 68000er-Motorola-CPU leistet 13,3 MHz war technisch nicht ganz state-of-the-art (die CPU von Sonys erster Playstation aus dem gleichen Baujahr lief mit 33,8 MHz), war aber auch nicht der eigentliche “Ackergaul” in der eigenwilligen Konsole. Die eigentliche Arbeit verrichteten Tom & Jerry, zwei Chips die wiederum eine ganze Reihe von Prozessoren steuerten, die Grafik und Sound regulierten.
Damit ist der Jaguar dem SNES und Mega Drive technisch klar überlegen und mit 250 US-Dollar (inklusive dem Spiel Cybermorph) auch noch verdammt günstig bei Markteinführung.

BILD

Dennoch verpatzt Atari trotz vielfältiger Ideen das letzte Hardware-Comeback.
Von Marketing hält derKonzern wieder nicht sonderlich viel, die Spiele kommen hauptsächlich aus Europa und den USA. Japanische Firmen sucht man im Spiele-Portfolio vergebens. Insgesamt bringt es die Raubkatze auf nur 65 Spiele. Die wichtigsten waren Rayman, Iron Soldier und Tempest 2000. Ansonsten hat der Spielekatalog nicht viel Außergewöhnliches zu bieten. Viele der Games können grafisch nicht mit denen anderer Konsolen (z.B. Playstation oder Sega Saturn) mithalten.
Die Lösung des Problems liegt für Atari in der Abkehr vom Modul. Also wird 1995 die JaguarCD-Erweiterung auf den Markt geworfen. Doch die Industrie springt leider nicht wie gewünscht auf den Medienwechsel an.
So verschwindet auch die Idee des JagDuo, eine Zusammenführung von Jaguar und dem CD-Laufwerk zu einem Gehäuse von der Bildfläche. Ein paar leere Gehäuse-Prototypen sind stumme Zeugen dieses Projektes.

Schon 1994 tritt der Konzern eine vielversprechende Technik in die Tonne. Die Rede ist vom Jaguar Virtual Reality-Helm. Entwickelt von der englischen Firma Virtuality wird das System nach mehreren Messe-Vorführungen zu den Akten gelegt.
Ein ähnliches Schicksal erleidet das Jaguar Modem, für das sogar das Spiel “Ultra Vortek” eine Modemkompatibilät erhielt. JagLink und CatBox (letztere soll 32 Konsolen miteinander vernetzen können) schaffen es entweder gar nicht, oder nur über Umwege und in geringen Stückzahlen in den Handel.

Selbst beim Gamepad hatte Atari kein glückliches Händchen bewiesen. Das PowerPad ist beinahe so groß wie die Jaguar-Konsole selbst und von Ergonomie weiter entfernt, als jeder andere Controller seiner Zeit. Ein wenig besser wurde es 1995 mit dem ProController, der immerhin flacher und kleiner als das PowerPad war. Bei beiden Pads gibt es einen vertieften Nummernblock der an den Seiten mit Schlitzen versehen ist. Dort finden sogenannte Overlays Platz, die einigen Spielen beiligen und die Funktionen der zwölf Tasten anschaulich erklären.

Ende 1996 sollte eigentlich das Jaguar 2 der Konkurrenz (Playstation, Sega Saturn und Nintendo 64) das Fürchten lehren. Der Chip “Tom 2” (für Grafik) war mit 63,951 MHz getaktet, “Jerry 2” (für Sound) mit 53,3 MHz. Die Serienreife erlebte das Jaguar 2 nicht mehr. Das Projekt wurde aus Kostengründen eingestellt.

1996 geriet Atari in enorme Geldnot. Die Entwicklungskosten hatten die Geldvorräte verbrannt, der Jaguar lag wie Blei in den Händlerregalen, um nicht zu sagen: Jaguar verkaufte sich unterirdisch schlecht. Einige Seiten im Netz sprechen von nur knapp 125.000 verkauften Exemplaren, vielerorts ist aber die Zahl 250.000 zu lesen. Zum Vergleich: Sega Saturn (ca. 10,9 Millionen), N64 (ca. 32,93 Millionen), Playstation (ca. 102,49 Millionen). Das nachgelieferte CD-Laufwerk fand ganze 10.000 Abnehmer.

Am 30. Juli 1996 werden alle Atari-Aktien von der JTS Corporation – einem Hersteller von Festplatten – aufgekauft.
Jegliche Entwicklungen werden unmittelbar gestoppt, Lagerbestände vom Atari Lynx und des Jaguar werden verhökert.
Am 22. Februar 1998 gehen die Namensrechte der so gut wie liquidierten Firma Atari von der mittlerweile zahlungsunfähigen JTS Corporation für lächerliche fünf Millionen US-Dollar an Hasbro Interactive.

Eine Firma Atari gibt es im eigentlichen Sinn nun nicht mehr. Nur noch einen Namen.
Und der wandert 2001 wie ein Wanderpokal weiter. Hasbro verkauft den Bereich Hasbro Interactive, der französische Computerspielehersteller Infogrames kauft auf. Seit 1996 hatte Infogrames im großen Stil in der Gamesbranche eingekauft und dem Mutterkonzern einverleibt. Unter anderem Ocean Software, Gremlin Interactive, Hasbro Interactive (wozu auch Microprose gehörte), Accolade, GT Interactive, Bomico und Shiny Entertainment.
Ab Mitte 2003 benennt sich Infogrames in Atari Inc. um.
Alle Infogrames-Spiele kommen nun unter dem Markennamen Atari auf den Markt.

Doch das Pech bleibt Atari auch im 21. Jahrhundert treu.
Anfang 2007 verkündet Atari Inc., dass 20% der Belegschaft den Hut ziehen müssen.
Kurz darauf verlässt Infogrames-Gründer Bruno Bonnell das Unternehmen.
Im November des selben Jahres gibt Atari USA die Devise aus, seinen Vertrieb auf Nord-Amerika zu limitieren.
Im Jahr 2008 floppt die Neuauflage der alten Infogrames-Marke Alone in the Dark und Atari macht jede Menge schlechte Schlagzeilen. Aber nicht wegen des Spiels selbst, sondern weil Atari gegen eine Spieleseite vorging, die Alone in the Dark mit einer 68%-Bewertung eine vernichtend schlechte Kritik gegeben hatte. Per Anwaltsbrief forderte die Firma eine Rücknahme der Kritik. Die Spieleseite blieb hart und Atari musste anschließend Kritik wegen versuchter Einflussnahme auf unabhängige Berichterstattung einstecken.

Im September 2008 verkauft Atari-Mutterkonzern Infogrames ein Drittel von Atari Europa an Namco Bandai Games.
Im Mai 2009 wird bekannt, dass es Atari zukünftig nur noch in den USA geben wird und sich der Konzern auf Online-Spiele spezialisieren wird. Namco Bandai Games kauft auch den Rest von Atari Europa, ebenso die Büros in Australien und Asien.

Und das war das vorerst letzte Kapitel der Atari-Firmengeschichte.
Eine Geschichte aus 37 Jahren Gaming.
Ich hoffe es hat euch Spaß gemacht in der Historie dieser Firma ein wenig herumzustöbern.

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Über Mykel Jay

Daniel "Mykel Jay" Schäfer hatte 2009 nach dem TV-Aus von GIGA mit ehemaligen Kollegen IKYG gegründet. Nun ist er quasi der letzte Mohikaner der Gründer und leitet die Redaktion. Neben der Schlussredaktion, der Organisation, der Video- und Webproduktion verantwortet Daniel auch Marketing und PR. Neben dem Zocken, kocht er wahnsinnig gerne (www.brotebrotebrote.de), macht häufig am Rechner die Nacht zum Tage und träumt von einem kleinen Häuschen auf Lanzarote.

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