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Der Stoff, aus dem die Helden sind

von am 8. April 2016
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Vielleicht hat der Eine oder Andere ja schon in unseren 198. Podcast reingehört, der sich mit Genderrollen und -Klischees auseinandersetzt, auch wenn er vielleicht gerade erst einmal die Spitze des Eisbergs betrachtet. Gerade heutzutage sind Diskussionen um (weibliche) Videospielfiguren hitziger denn je geworden. Schnell wird “Sexismus” gerufen, dies mag auch berechtigt sein, aber ich persönlich scheine es dann wohl doch nie so eng zu sehen. Meine ich zumindest.

In der Themenvorbereitung zum Podcast bin ich zuvor in mich gegangen und habe Abstand zu bestimmten Spielen, die häufig als Beispiele zur Seite gezogen werden, genommen und versucht, die Protagonisten der Videospielwelt erstmal ohne Kontext in mein Gedächtnis zu rufen und zu visualisieren. Und zu aller erst möchte ich sagen, wie froh ich darum bin, dass nicht jede weibliche Hauptrolle zu einem Lara-Croft-Klon verkommen ist. Ich bin happy mit was für einer Vielfalt wir bedient werden! Eben neben Lara aus Tomb Raider kommen mir Frauen wie Bayonetta, Jade aus Beyond Good & Evil, Faith aus Mirror’s Edge (okay, nun scheine ich doch in die typischen Beispiele abgerutscht zu sein) und noch viele weitere ein, die ich hier nicht alle namentlich erwähnen will, aber in einer kleinen Galerie zusammenfüge. Und sicherlich habe ich noch Einige vergessen, in dem Fall bin ich immer froh, wenn ihr die Liste in den Kommentaren ergänzt.

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Schnell geht die Debatte aber hin zur Kleidung und Figur, besonders bei Frauen. Vor einiger Zeit wurde dieser Beitrag auf Bulimia.com veröffentlich, bei dem Frauenkörper “realistisch” umgeformt wurden. Es wurde beklagt, warum Frauen in Videospielen nicht der eben alltäglichen Durchschnitts-Frau ähneln. Bäuche sind zu flach (Christie Monteiro aus Tekken) oder Brüste zu groß (Tifa Lockhart aus Final Fantasy VII). So eine Angleichung an den durchschnittlichen Frauenkörper ist durchaus mal nett anzusehen, aber nicht, wenn tatsächlich gefordert wird, dass die Figuren in Videospielen so auszusehen haben. Natürlich wäre es auch schön, würden wir hier mehr Variationen sehen. Allerdings muss man auch mal den Kontext der Figuren betrachten. Die meisten abgebildeten Frauen betreiben exzessiv Kampfsport. Gehören dabei zu den besten der Besten und werden neben Sport sicherlich noch auf ihre Ernährung achten. Diese Körper sind in den Szenarien keinesfalls unrealistisch. Auch einer Lara Croft oder Tifa Lockhart wird in ihrem “Job” abverlangt, dass sie körperlich fit ist (was nicht heißt, dass man mit Extra-Kilos nicht fit sein kann, aber die Beiden werden dabei sicherlich auch gezielt auf ihre Figur achten). Der Beitrag auf Bulimia.com, einer Seite, die sich mit Essstörungen beschäftigt und sich für Betroffene einsetzt, hat für viele Diskussionen gesorgt und diente für Viele als neuer, gefundener Zündstoff.

Es gibt sicherlich auch Spiele, in denen der Protagonist (Geschlecht hin oder her) keinen schlanken und straffen Körper benötigt. Generell könnten hier gerade auch NPCs stärker in ihren Körperformen variieren und als positive Beispiele voran gehen. Wenn ich an weibliche Figuren denke, die nicht der “Videospiel-Norm” entsprechen, sind mir direkt ehrlich gesagt nur zwei eingefallen: Fat Princess und Ellie aus Boderlands 2. Wobei es sehr schade ist, dass hier für eine eher ulkige Konnotation gesorgt wird. Anderes Beispiel wären noch Zarya aus Overwatch. Deutlich kräftiger mit Muskelmasse bepackt. Eine ganz andere Liga sind hingegen Sportspiele, die realistischer nicht sein können: immerhin orientieren sie sich an existierenden Sportlern. Aktuell sehen wir z.B. Ronda Rousey nicht nur auf dem Cover von UFC 2, sondern auch sehr originalgetreu im Spiel selbst. (Und nur mal so: Chun Li hat auch im wahrsten Sinne ganz schön kräftige Oberschenkel, oder nicht?)

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Nächster Aufhänger wäre die Kleidung. Besonders aus japanischen MMOs sind wir sexy Rüstungen (mit null Effektivität in Sachen “Abwehr”) gewohnt. Aber solche möchte ich nun ein wenig ausklammern und mich auf “zugänglichere” und breiter verteilte AAA-Titel konzentrieren, da dies sonst viele weitere Türen öffnen und Zeichen in diesem Text benötigen würde. Aber nun: was mir hier wieder direkt an der ganz oben geposteten Galerie auffällt: so viele wirklich aufreizende Outfits sind da gar nicht bei. Außer Bayonetta, die als positives Beispiel schon tot geredet wurde und Juliet Starling (Lollipop Chainsaw), an der ich mich gleich ein wenig orientieren mag. Beim Rest lässt sich eher sagen, dass die Kleidung zwar figurbetont, aber hauptsächlich auch funktional gewählt zu sein scheint. Ronda Rousey hat da neben Juliet noch das knappste Outfit an, welches sich auch nur aus der Funktionalität für den Kampf im Oktagon ableitet, die an dieser Stelle keiner kritisiert. Ich muss persönlich sagen, dass ich mit knappen Höschen, tiefem Ausschnitt und eng anliegendem Outfit absolut d’accord bin, solange eben rüber kommt, dass die Trägerin eben selbst damit völlig im Reinen ist. Allesamt bisher Genannten sind starke Frauen, die wahrscheinlich mit Stolz und aus freiem Willen ihren Körper so präsentieren (wobei es fraglich ist, in wie weit man so etwas über eine fiktive Figur sagen kann, die letztendlich auch nur irgendwelchen Fantasien eines oder mehrere Köpfe entsprang). In Lollipop Chainsaw bekommt man ein Achievement, wenn man Juliet 10 Sekunden lang unter den Rock lugt. Korrekterweise müsste man sagen, wenn man es versucht. Denn Juliet lässt ganz und gar nicht alles mit sich machen und verdeckt ihren Allerwertesten, wenn wir spicken wollen. (Abgesehen davon ist es schon sehr deutlich, dass Lollipop Chainsaw eine große Parodie ist, deswegen würde ich niemals auf die Idee kommen, genau auf dieses Beispiel zu pochen, um ein Argument zu belegen.) Auf jeden Fall scheinen alle weiblichen Beispiele bisher ein gesundes Selbstbewusstsein zu haben und übermitteln ein positives Körpergefühl. Vielleicht wäre es gerade hier wichtig, auch mal andere Körperformen so zu zelebrieren (wobei es, wie oben schon erwähnt, natürlich auch in den Kontext des Spiels passen sollte). Natürlich stecken da aber auch immer noch Designer und Entwickler hinter, die auf “sex sells” setzen, aber nun ja… Immerhin sind es nicht nur die puren, charakterlosen Hupfdohlen, sondern Frauen mit Köpfchen, Persönlichkeit und (teilweise komplexen) Background-Stories.

Generell ist natürlich immer Luft nach oben da. Aber ich finde, wir können bisher schon mal froh sein, wie viele starke Frauen uns überhaupt geboten werden und sie nicht mehr nur eine “Damsel in Distress”-Rolle verkörpern. Aber wie schaut es auf der anderen Seite aus? (Wobei man hier schon wieder das nächste Thema öffnen kann, wann und ob überhaupt dieses binäre System aufgebrochen wird.)

Ich denke mittlerweile gibt es genügend Witze darüber, dass unsere männlichen Protagonisten allesamt genetische Mehrlinge sein könnten. Da brauchen wir uns nichts vormachen, was AAA-Titel angeht hat man sich schon lange auf einen optischen Stereotypen festgelegt. Natürlich gibt es auch hier viele Gegenbeispiele, aber in der folgenden Galerie nur eine kleine Übersicht der “Lost Twins”.

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Ganz klar wird einem gängigen Schönheitsideal nachgegangen. Muskulös, volles dunkles Haar und ein Testosteron geladener Drei-Tage-Bart. Männer wollen sein wie sie. Frauen wollen sie. Oder so ähnlich. Da ist es ja schon richtig abwechslungsreich, dass Jack Joyce (Quantum Break) mal blond ist! Wo bleiben hier die realistischen Darstellungen? Ethan Mars mag hier im Vergleich vielleicht ein bisschen “lauchiger” aussehen als seine Kollegen, aber dank der Duschszene in Heavy Rain wissen wir, dass er doch einen gut definierten Körper besitzt.

Ich sitze hier und überlege, welcher Protagonist in letzter Zeit nicht in dieses Schema passen würde. Geralt von Riva aus The Witcher? Naja, mit schwarzen Haaren würde er auch wieder reinfallen. Da wären noch Kratos (God of War), Dante (DMC/DmC) oder Wei Shen (Sleeping Dogs). Mehr mag mir spontan wirklich nicht einfallen. Bitte ergänzt meine Liste in den Kommentaren! Als positive Gegenbeispiele kommen mir nur die Jungs von GTA V in den Sinn. Michael mit seinem “Dad Bod” oder Trevor mit seinem kahl werdendem Haupthaar oder eben Franklin, als einer der wenigen “person of color”.

GTA-V

Doch warum ist das überhaupt so? In diesem Artikel auf Gamerant von 2014 wurde dieses Thema bereits angesprochen. Und anscheinend scheint man bei den Protagonisten tatsächlich einen “Durchschnittstypen” zu generieren. Es sieht doch aber bei weitem nicht jeder Mann so aus? Es ist doch eben doch mehr das Schönheitsideal? Wenn man Debatten so betrachtet, dann fällt mir (als Frau) auf, dass Männer sich eben nicht so sehr gegen diese Ideale, die sie alle in eine Kiste stecken wollen, auflehnen. Selbst wenn man an den Videospiel-Einheitsbrei denkt, dann sieht man es mit Humor, macht sich ein wenig darüber lustig, fordert aber keine klaren Änderungen. Oder habe ich an dieser Stelle etwas verpasst?

Wie ich es derzeit mitbekomme, sind Frauen in Sachen “Body Positivity” den Männern einen deutlichen Schritt voraus. Man sieht immer häufiger Plus-Size-Models in der Werbung, Zahnlücken oder markanten Pigmentstörungen (Winnie Harlow lebt mit der Vitiligo-Krankheit und modelt erfolgreich für Desigual). Die Stimmen werden lauter, solche Beispiele auch in Videospielen zu sehen. In einer sehr runtergebrochenen, naiven Milchmädchenrechnung scheinen Übergewicht und Cellulite die größten “Schwächen” zu sein, die eine Frau heutzutage rein optisch haben kann. So zumindest immer wieder die Schlagzeilen einschlägiger Klatsch- und Frauenmagazine. Doch immer mehr sprechen sich von so einem Ideal los. Wenn ich behaupten müsste, welche die größten “Schwächen” auf der männlichen Seite sind, dann würde ich (frühen) Haarausfall nennen. Eine genetisch bedingte Sache. Dennoch scheinen nur wenige damit offen umgehen zu können. Noch weniger wollen so repräsentiert werden. Keiner verlangt nach mehr lichtem Haar in Filmen oder Videospielen (oder?). Darum scheinen mir gerade die Diskussionen um Frauen in Videospielen immer präsenter und hitziger zu sein. Zumindest derzeit noch. Darum findet man viel mehr Beiträge zu diesem Thema im Internet. Darum ist mein Absatz über Frauen deutlich länger als der über Männer (abgesehen davon, dass ich bei Frauen ganz klar für mich sprechen kann, was ich bei den Männern leider nicht übernehmen kann). Zumindest sind dass all meine Vermutungen. Meine Annahmen. Und meine Sichtweisen.

Generell sollte noch einmal angemerkt werden, dass ein Kommentar nur dazu dient, die eigenen Gedanken und Gedankengänge darzulegen. Ich würde keinesfalls behaupten, dass irgendeiner der angesprochenen Punkte ein Fakt ist. Oder meine Meinung “richtig”. Tatsächlich bin ich sehr interessiert daran, was sich in den Kommentaren noch entwickeln könnte und auf andere Sichtweisen. Besonders die von Männern, die mir selbst verwehrt ist.

Kommentare
 
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  • 8. April 2016 at 14:42

    Sehr schöner Artikel.
    In der Tat habe ich als Mann keine Probleme mit den männlichen Stereotypen in Videospielen in Bezug auf mich selbst. Weil niemand dort ein kleines Bäuchlein oder einen nach hinten wandernden Haaransatz hat, fühle ich mich in meine Haut nicht unwohl.

    Natürlich fände ich es schön, wenn eine größere Auswahl an “Typen” zur Verfügung stände, damit man nicht immer Nathan Drakes Klon-Bruder vor sich sieht.

    Ich hatte es ja auch schon im Podcast gesagt: Mir fehlt ab und an die Authentizität und Glaubhaftigkeit einer VIdeospielfigur in Spielen mit einer realistischen Darstellung. Ich nehme zum Beispiel Lara Croft ihre Toughness in den letzten beiden Spielen nicht ab. Fünf Meter weit über eine Schlucht zu springen, um dann an einem Felsvorsprung von der Dicke einer Spielehülle hängen zu bleiben bedarf nun mal einer gewissen Fitness und Rohheit. Ein zerbrechlich wirkendes Persönchen wie Lara traue ich das nicht zu.
    Hier ging das Charakter-Design in meinen Augen einen falschen Weg.

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  • 8. April 2016 at 16:02

    Sehr schöner, persönlich-differenzierter Beitrag, der sicher mühelos zerpflückt werden kann, je nachdem wer ihn liest und wie man ihn verstehen will. Ich find ihn gut, weil er einfach mal sehr nüchtern und sachlich an das Thema herangeht, ohne zu hysterisch oder zu uninteressiert an den Punkten zu wirken.

    Hast du dir mal Quantum Break angeschaut? Da gibt es die Figur der Beth Wilder. Für mich eine der besten Frauenfiguren der letzten Jahre an Spielgeschichte. Sie ist nicht “zwanghaft” tough, wie es auch Mykel schon gesagt hat am Beispiel von Lara Croft, sondern einfach eine “normale”, charakterstarke Person. Weißt, was ich meine? Keine “Heldin”, keine “Wir müssen eine superstarke Mary Sue erstellen”-Type. Sie hat ihren Willen, sie wirkt wie eine Person, die wir alle irgendwie kennen. Ich halte sie für einen spannenden, vielschichtigen und komplexen Charakter mit Stärken und Schwächen – einen tollen Archetypen einer neuen Generation von Frauen in Videospielen. Wer das Spiel gespielt hat, kann vllt seine Meinung dazu nennen, oder ob ich das irgendwie falsch sehe. Generell aber halte ich die Figuren in QB für sehr gut ausgearbeitet – ich wünsche mir mehr davon.

    Zum Thema “Körperbau”: Naughty Dog hat vor kurzem gesagt, dass “Donut Drake” aus dem neuen Uncharted entfernt wurde. Gab viel positiven Zuspruch, weil die Darstellung des “dicken” Helden oftmals als “Fatshaming” ausgelegt wurde. Finde das nachvollziehbar, zeigt aber die Problematik, dass man bei “kräftigen” Helden vllt sehr schnell meinen könnte, man würde sich lustig machen. Finde das Thema recht schwer. Bei MMOs kannst du ja einen dicken Charakter machen, das stört irgendwie niemanden. Bei sonstigen Solo-Titeln wird es generell glaube ich schwer, die Figur “agil” zu halten, ohne dass das Gewicht “unrealistisch” wirkt, wie z.B. bei einem Rufus in STREET FIGHTER IV.

    Was die Darstellung der Männer angeht: ich kenne viele Männer mit “Problemen”, auch das von dir genannte Haarproblem. Egal wie sie selbst aussehen oder wie sich repräsentiert fühlen: ich kenne tatsächlich niemanden, der sich jemals über “seine” Repräsentierung in einem Spiel echauffiert hätte. Maximal über die mangelnde Anzahl an PoC-Charakteren, aber nie über sonstige Äußerlichkeiten. Dagegen kennt man auf Twitter viele, die sich stellvertretend für Personen über etwas aufregen, obwohl die betroffenen selbst es gar nicht so kritsch sehen. Naja. Internet.

    Zum Schluss noch zu deinem “Lost Twin”-Absatz: Persönlich bin ich froh, dass momentan mit QUANTUM BREAK und UNCHARTED wieder eher ein – vom Körperbau her – normaler Typ Held etabliert wird. Auch wenn oftmals gesagt wird dass Spiele wie GOD OF WAR oder STREET FIGHTER V (Zangief) mit den muskelbepackten Helden ihre Charaktere “idealisieren”(während Frauen merkwürdigerweise im gleichen Kontext sexualisiert werden), sehe ich das anders. Ich finde diese Testosteronberge auf Dauer furchtbar, bwohl ich die Spiele liebe, und bin froh, endlich mal “normale” Helden zu haben. Wie gesagt wird das von einigen Gruppierungen nicht als Sexismus angesehen, wenn solche Muskelberge in teils knappem Outfit über den Bildschirm huschen, aber es gab eine Zeit, wo mich das immens gestört hat. Nicht jeder findet unkontrollierte Muskelmasse “ideal”.

    tl;dr … toller Artikel! Unterschreibe ich so 🙂

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  • Lemmmu
    8. April 2016 at 16:35

    OT: Den Infotext vom Autor kann man ja nur doppelseitig interpretieren. oO

    Sonst, sehr schöner Artikel mit einem Thema, woran sich wohl die Entwickler jedesmal Gedanken drüber machen, welcher Typ bringt uns mehr Geld.

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  • Chucky
    8. April 2016 at 18:32

    Großartiger Kommentar. Reflektiert, realistisch, bodenständig aber kritisch. Ganz ganz großes Kino. 🙂

    Diese Sache mit der Body Positivity. Ich denke, da kenne ich mich auch ganz gut mit aus, ähnelt meine Statur ja eher einem Waschbär als einem Waschbrett. 😛

    Ich für meinen Teil denke, dass Männer viel seltener oder zumindest nicht so streng an ihrer Figur gemessen werden wie Frauen und es demnach nie so stark als das Problem erkannt wurde, was es in jedem Fall und ganz losgelöst vom Geschlecht trotzdem ist. Ich fühle mich aber auch nicht unbedingt unterrepräsentiert, was aber auch daran liegt, dass ich meine eigene Körperform nicht als attraktiven Status Quo betrachte und mir selbst wünsche, ich würde anders aussehen. Ein Nathan Drake oder Solid Snake dient dabei also auch ein bisschen als Eskapismus, um für einen Moment nicht der gemütliche, bärtige Pummel-Panda zu sein, sondern eben der drahtige Super-Agent in Spandexhose.

    Ich will keinen Superhelden, der aussieht wie ich. Ich will aussehen wie der Superheld. Und das ist bei Männern weitaus unkritischer als bei Frauen, denn aus irgendeinem Grund werden dicke Männer sozial akzeptiert, während dicke Frauen belächelt oder diskriminiert werden, worin der eigentliche Kern des Übels steckt. Denn das heißt gleichzeitig, dass Frauen mehr an ihrem Äußeren gemessen werden als Männer. Und deshalb lehnen Männer sich nicht so sehr auf. Es ist uns eher egal, weil wir keinen bzw weniger Druck von der Gesellschaft erhalten. Wenn Frauen aber wirklich Miss Sterling oder Tifa Lockheart als Vorbilder betrachten und sich dann gezwungenermaßen unters Messer legen, oder sich in eine Depression herabhungern, dann ist es verständlich, dass da irgendwann mehr Gegenwind kommt, von Frauen die sich nicht einer vorgefertigten Schablone unterwerfen wollen, um überhaupt akzeptiert zu werden.

    Natürlich haben auch wir Männer mit unserem Aussehen zu kämpfen, aber das geschieht im privaten Raum. Nicht im Öffentlichen. Oder zumindest kaum. Ich hatte mal einen Lehrer, der Spaß daran hatte, sich über mein Äußeres lustig zu machen, aber das war als Kind. Heute werde ich ernst genommen und wenn mich jemand nicht ernst nimmt, dann sorge ich dafür, dass ich ernst genommen werde. Das Gleiche machen mittlerweile auch viele Frauen und das ist gut.

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  • Erunaenia
    9. April 2016 at 16:45

    Ich behaupte jetzt mal, dass die Mehrheit aller Gamer sich um das Aussehen des Hauptcharakters gar keine Gedanken macht oder zumindes gleich darüber hinweg sieht, weil sie mit anderen Dingen im Spiel beschäftigt sind. Da muss sie/er schon sehr aus der Rolle fallen oder aus dem Kontext. Die 10%, die in der Minderheit sind, schreien lauter und werden dadurch gehört. Ich denke auch, dass der “Einheitsbrei” an Protagonisten einen Sinn macht. AAA-Titel erscheinen weltweit, da muss man eben einen Kompromiss finden und ein Aussehen, dass in allen Ländern Sinn macht und ankommt.

    Entwickler bräuchten mehr Selbstbewusstsein und kreative Freiheit, anstelle von Verkaufszahlen und kritisierenden Gamern. Wer weiß, vielleicht werden Charaktere realistischer. Entwickler sind ja keine Idioten, die haben auch Töchter und Söhne und haben sicher nicht das Ziel, denen falsche Ideale vorzusetzen. Wenn dann noch Publisher aufhören, auf die pupertierende Zielgruppe zu hören und stattdessen mal auf die erwachsene Mehrheit eingehen würden, dann könnte sich die Vielfalt in Spielen evtl. auch nach oben bewegen. Aber alles in allem, sind wir ja auf einem guten Weg, es hat sich ja doch einiges getan in den letzten Jahren.

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  • MonkeyHead
    20. April 2016 at 13:12

    Als sechster hier im Bunde der einen Kommentar zu diesem Kommentar abgeben will, ist es natürlich schwierig noch etwas neues oder gar erhellendes zu diesem Thema beizutragen. Ich habe meine Meinung ja auch schon unter den genannten Podcast 198 geschrieben. Als positives Beispiel würde ich, sowohl auf männlicher als auch auf weiblicher Seite, noch Lee und Clementine aus TWD angeben. Klar ist Clementine noch ein Kind und im zweiten Teil bei weitem nicht so gut wie im ersten, aber trotzdem ist sie bei dieser Debatte ein positives Beispiel, ebenso wie Lee, welches ich nicht außen vor lassen möchte.

    Bei der Diskussion geht es ja auch irgendwo darum was zuerst da war. Aussehen oder Charakter? Definiert das Aussehen den Charakter oder umgekehrt? Würden weibliche Entwickler andere Figuren entwerfen als männliche Entwickler? Warum wird in der Diskussion so schnell auf die Äußerlichkeiten ausgewichen ohne das gesamte Konzept des Spiels in Betracht zu ziehen. Alles funktioniert nur im Kontext. Ein blasser dünner Junge ist nicht glaubhaft wenn er in Gears of War die Kettensäge schwingt, aber in einem anderen Spiel schon. Aber eben um Glaubwürdigkeit geht es hier. Und die muss nicht immer realistisch sein. Sie kann auch übertieben sein, sie muss es sogar, wenn es das Genre verlangt. Natürlich darf man Publishern und Entwicklern nicht absprechen, dass sie versuchen eine bestimmtes Ideal eines Menschen zu bedienen, doch sie zwingen uns nicht ihre Spiele dann auch zu kaufen. Auch wenn mich die Charaktere aus Gears of War nicht ansprechen und eine Juliet Starling bestimmt viele pubertierende Männerherzen höher schlägen lässt, so sind sie eben doch auch mehr als ihr äußeres und eine Figur in einem Spiel ist eben auch nur eine Figur wenn sie aus dem Kontext des Spiels genommen wird.

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