Rhythm Paradise – Musik im Blut?
Lesezeit: 5 MinutenZugegeben: Rhythm Paradise ist jetzt nicht mehr brandaktuell, aber einen Test bin ich euch trotzdem schuldig. Los geht’s!
Rhythmus-Spiele sind eigentlich nicht mein Ding. Nicht, weil ich kein Takt-Gefühl habe oder unmusikalisch bin, sondern weil ich es schwer finde, mich für eine längere Zeit für ein solches Spiel zu begeistern. Daher war ich ziemlich skeptisch, als ich Rhythm Paradise für den DS in den Fingern hielt. Die Hülle des Spiels konnte da keine Abhilfe schaffen. “Spürst du den Rhythmus? Lass dich vom Takt verzaubern und entdecke dein Rhythmusgefühl neu!”
Ohne mir viel Gedanken über das zu machen, was mich nun erwarten würde, steckte ich das Modul in meinen DS und schaltete ihn ein. Was ich dann sah und spielte war tatsächlich spielgewordener Rhythmus. Eine total überdrehte Mischung aus WarioWare und EliteBeat Agent. Vielleicht war es genau diese Mischung die mich nicht vergraulte, sondern erstaunlich lange an den Titel fesselte. Die erste Überraschung: Rhythm Paradise spielt sich hochkant, sodass der DS beim Spielen wie bei den Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging-Teilen und einigen wenigen anderen Titeln wie ein Buch gehalten wird.
Dann geht es poppig bunt und mit unmittelbarer musikalischer Beschallung weiter. Ein kleiner Frosch begrüßt uns im Spiel und bringt uns die wichtigste Bewegung des Spiels bei: das Schnippen. Noch bevor wir irgendetwas aus- oder anwählen können durchleben wir ein einfaches und kurzes Tutorial, in dem zunächst ein Frosch “umgeschnippt” werden muss. Danach müssen wir ein vorbeifahrendes Auto umschnippen. Beides keine wirklichen Herausforderungen für geübte DS-Zocker. Dann gibt uns Kollege Frosch noch einen nicht zu verachtenden Hinweis mit auf den Weg: “Lass dich vom Rhythmus leiten.” Ab und an sollte man sich diesen Satz im weiteren Spielverlauf noch einmal ins Gedächtnis rufen.
Weiter geht es mit dem eigentlichen Spiel. Vor uns eröffnet sich ein Spielfeld mit einer Reihe von Spielen, die wir hintereinander durchspielen müssen. Jedes einzelne sieht anders aus, erzählt eine andere Geschichte und wird anders gespielt. Allen Spielen liegt aber das Spielprinzip der richtigen Bewegung zum rechten Zeitpunkt zu Grunde.
Auf dem linken Bildschirm (für Rechtshänder natürlich) sehen wir unseren Fortschritt. Welchen Rang wir bisher bekleiden, wie hoch unser Rhythmus-Faktor (max. 100) ist und wie viele Medaillen wir bisher für das perfekte und fehlerfreie spielen einzelner Mini-Games erhalten haben.
Los geht es mit dem Spiel “Beatfabrik”: Und da heißt es schon in der Beschreibung “Nun, es ist nicht leicht zu beschreiben”. Und das stimmt in der Tat. Zum ersten Mal hilft es mir bei einem Videospiel den Verstand komplett auszuschalten. Man sollte bei “Rhythm Paradise” nicht viel nachdenken. Einfach nur dem Beat folgen und instinktiv handeln. Zurück zur Beatfabrik. Hier müssen wir etwas zusammenbasteln. Ein Stab will mit einem Schieber zum richtigen Zeitpunkt durch zwei aufeinander zu rollende Quadrate mit einem Loch in der Mitte verbunden werden. Dazu schießen wir den Stab durch die, sich in der Mitte der Quadrate befindlichen Löcher. Klingt irrsinnig kompliziert, spielt sich aber so herrlich eingängig, dass man nach der Beatfabrik befürchtet, dass man “Rhythm Paradise” in 15 Minuten durchgespielt hat.
Weit gefehlt! Bereits das nächste Spiel namens “Chorknaben” lässt sich so einfach nicht mehr “durchschnippen”. Diesmal müssen wir den Stylus auf den Touchscreen tippen, um die Klappe unseres virtuellen Konterfeis zu halten. Wir singen in einem dreistimmigen Chor. Hören wir auf, den Touchscreen mit dem Stylus zu berühren, singen wir drauf los. Gebrüllt wird auf “Der ganze Chor”-Kommando mit einem gekonnten Schnippen. Danach müssen wir Roboter auf einem Fließband fachgerecht auftanken und als Affengroupies einem knuffigen kleinen Hannah Montana-Verschnitt zujubeln. Quasi als Abschluss dieser “Tour de Rhythmus” wiederholen wir die letzten vier Übungen und begeben uns auf einen Trip, der schon sehr nahe an die hektischen Spielmodi eines WarioWare-Titels heranreicht. Die einzelnen Übungen werden zu einem immer schneller werdenden Lied verschmolzen.
Von dieser “vier-Übungen und ein Remix”-Geschichte gibt es insgesamt drei Stück mit immer stärker werdendem Schwierigkeitsgrad. Mich persönlich hat das Spiel Tischtennis zur Weißglut gebracht. Hier kommt es scheinbar auf Nano-Sekunden-Timing an, um die Übung so gut zu erledigen, dass man zur nächsten Aufgabe weitergelassen wird. Für Perfektionisten und Freunde von Belohnungen hat sich Nintendo ebenfalls etwas einfallen lassen. Wer eines der Minispiele so gut wie fehlerfrei besteht, bekommt eine Medaille geschenkt.
Diese kann man dann in der Medaillen-Ecke in vier verschiedenen Kategorien “eintauschen”. Und zwar in jede Menge weiterer Minispiele die teilweise sogar Endlos-Spiele sind. Von diesen unendlichen Games gibt es insgesamt sechs Stück (u.a. Münzwurf, Kosmorock, Glasmusik). Darüber hinaus gibt es noch sieben sogenannte Rhythmusspielzeuge freizuschalten (z.B. Visitenkarte, Taktmonster, Schlagzeuger). Diese Extras sind zwar recht witzig und auch gut gemacht, laden aber auf Grund ihrer Einfachheit auch nicht unbedingt dazu ein, ständig bei ihnen vorbei zu schauen. Im Café können sich Spieler ein wenig von den Strapazen der Minispiele erholen und mit dem Barkeeper plaudern. Freigeschaltete Songs können beliebig oft angehört werden. Der Kern des Spiels ist es aber, diese verflixten 50 Rhythmusspiele zu meistern und dabei nicht verrückt zu werden.
Alles in allem ist Rhythm Paradise ein feines Rhythmus-Spiel, vollgestopft mit einer Menge verrückter Ideen. Der Schwierigkeitsgrad ist stetig ansteigend, wird aber nie wirklich unfair. Wer den Automaten im Gehirn ausschalten kann wird sein blaues Wunder erleben. Manche Minispiele lassen sich nicht mit 130%iger Konzentration und verbissenem Auswendiglernen der Abfolgen meistern. Hier lautet die Devise: Gehirn aus, Taktgefühl an. Manchmal hilft es sogar, die Augen ganz zu schließen und den Stylus quasi blind zu bedienen. Das sollte man aber allein wegen der Grafik nicht so häufig machen. Der minimalistische und schräge Stil ließ mich manches Mal schmunzeln, wirkt aber insgesamt ein wenig zu kindisch. Rhythm Paradise wird seine Kunden finden. Und davon zu Recht nicht mal wenige.




















